Produkt: events Magazin digital 01/2018
events Magazin digital 01/2018
Managementpraxis: Die fünf wichtigsten Trends der Event-Branche +++ Agenturen: 30 Jahre Planworx +++ Destinationen: Schmelztiegel Jamaika +++
In der Praxis häufig nur ein Lippenbekenntnis!

Nachhaltigkeit als Kriterium für die Auswahl von Locations

Nachhaltigkeit(Bild: ©Alexander Limbach - stock.adobe.com)Umweltbewusstes Handeln liegt mehr denn je im Trend. Die Fridays-for-Future-Bewegung zeigt, dass die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema Klimawandel immer weiter zunimmt.

Wichtige Institutionen der Veranstaltungswirtschaft – vornweg das German Convention Bureau, der EVVC und der FAMAB – haben diese Entwicklung frühzeitig erkannt und das Thema Nachhaltigkeit auf die Branchen-Agenda gesetzt, z. B. in Gestalt der Green-Meetings-und-Events-Konferenz, die seit 2011 jährlich veranstaltet wird. Auch Initiativen wie der – nicht unumstrittene – Nachhaltigkeitskodex „Fairpflichtet“ tragen ihren Teil dazu bei, das Bewusstsein für umweltschonendes Veranstaltungsmanagement zu schärfen. Die Kennzeichnungen „Green Meetings“, „Green Events“ und „Sustainable Project“ sollen solche Veranstaltungen erkennbar machen und ihre Anbieter vom Wettbewerb abheben. Wobei man kritisch anmerken muss, dass Nachhaltigkeit auch eine ökonomische und soziale Komponente hat, die im Vergleich zum Umweltschutz bisher immer noch zu wenig Beachtung findet; das Attribut „green“ steht in der Veranstaltungswirtschaft einseitig im Vordergrund.

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Zahlreiche Branchen-Initiativen

An Initiativen herrscht also kein Mangel, und GCB und EVVC sind für ihr Engagement zu loben. Doch verbandspolitische Initiativen und öffentlichkeitswirksame Konferenzen sind das eine, das tagtägliche Handeln der Veranstaltungsplaner und Eventmanager in Unternehmen und Agenturen das andere. Es stellt sich somit die Frage: Ist das Thema tatsächlich im Veranstaltungsmanagement angekommen, bestimmt es das tägliche Tun? Oder ist nachhaltiges Handeln nur ein Lippenbekenntnis?

Talk/Action-Gap – eine ernüchternde Bilanz

Dazu hat die Hochschule Worms eine Studie durchgeführt (Details siehe unten). Im Rahmen einer Online-Befragung wurden Veranstaltungsmanagerinnen und -manager u. a. gebeten, Kriterien für die Buchung von Veranstaltungsstätten in eine Reihenfolge nach Wichtigkeit zu bringen. Dabei wurden die Befragten über die Zielrichtung der Umfrage im Unklaren gelassen, indem ihnen auch Fragen zu anderen Sachverhalten gestellt wurden, um eine Verzerrung der Antworten durch „politisch korrektes“ Antwortverhalten zu minimieren. Denn Befragte, die wissen, dass es um Umweltschutz und Nachhaltigkeit geht, werden möglicherweise nicht mehr wahrheitsgemäß, sondern in einer vermeintlich politisch erwünschten Weise antworten.

Nun aber zum Ergebnis der Befragung (siehe Grafik): Die Möglichkeit, in einer Veranstaltungsstätte „Green Meetings“ durchzuführen, belegt von allen abgefragten Kriterien den letzten Platz, mit einer wahrgenommenen Wichtigkeit von 0,4 auf einer Skala von 0 bis 10. Umweltzertifikate landen mit 0,6 Punkten auf dem vorletzten Platz, Barrierefreiheit – ein Kriterium der sozialen Nachhaltigkeit – mit 1,3 Punkten auf dem viertletzten.Hochschule Worms_Kriterien Event-LocationDas ist ein niederschmetterndes Ergebnis. Und wer meint, es sei ein Ausreißer, den müssen wir enttäuschen. Denn es deckt sich mit dem Ergebnis einer Umfrage der Hochschule Worms aus dem Jahr 2011 (siehe events Magazin 3/2012, S. 12–19): Auch damals belegten „Umweltschutzaspekte“ den letzten Platz als Entscheidungskriterium für eine Veranstaltungsstätte. Mit anderen Worten: In den letzten acht Jahren hat sich in Sachen Nachhaltigkeit bei der Location-Wahl wenig getan. Es sieht ganz danach aus, als sei Nachhaltigkeit in dieser Hinsicht noch immer mehr ein Lippenbekenntnis als tägliches Tun.

Umweltschutz unwichtig bei der Location-Wahl

Andere Befragungen gelangen zu ganz anderen Ergebnissen, wenn es um den allgemeinen Stellenwert der Nachhaltigkeit geht. So etwa das Meeting- und Event-Barometer, das im Auftrag des GCB durchgeführt wird, in dem (2016, S. 34) gefragt wurde: „Welchen Stellenwert nimmt das Ziel „Nachhaltigkeit“ auf Ihrer Agenda bzw. bei der Organisation von Kongressen ein?“ 83 % der „Anbieter“, darunter viele Veranstaltungsstätten, und 65 % der „Veranstalter“ antworteten, das Thema sei ihnen „sehr wichtig“. Das Problem ist nur: Mit diesem Ergebnis kann man rein gar nichts anfangen. Was sollen die Befragten denn anderes antworten? Dass ihnen Nachhaltigkeit unwichtig ist? Sie werden durch die Frage nicht gezwungen, Nachhaltigkeit gegen andere Ziele abzuwägen. Hier wurde eher das aktuelle Klima der „political correctness“ gemessen als die wahren Ansichten der Befragten.

Will man wissen, wie wichtig einer Person Nachhaltigkeit tatsächlich ist, muss man sie bitten, konkurrierende Ziele in eine Reihenfolge nach Wichtigkeit zu bringen, um so eine Priorisierung zu erhalten. Genau das wurde in beiden Studien der Hochschule Worms getan, und es führt, wie gesehen, zu diametral anderen Ergebnissen. Das sind die Feinheiten der Marktforschung.

Nachhaltigkeit kein Wettbewerbsvorteil für Veranstaltungsstätten

Was folgt daraus? Zunächst einmal dies: Wenn Nachhaltigkeitsaspekte für die Buchung irrelevant sind, können sie für die Veranstaltungsstätten kein Wettbewerbsvorteil sein. Doch mit genau diesem Argument haben GCB und EVVC von Anfang an für das Thema geworben: Nachhaltigkeit sei ein Wettbewerbsvorteil. Dafür haben wir wie gesehen keinen Beleg. Das Befragungsergebnis bestätigt letztlich nur, was einem bereits der gesunde Menschenverstand sagt: Nachhaltigkeitsargumente können bei der Auswahl einer Veranstaltungsstätte niemals dieselbe operative Relevanz besitzen wie z. B. die Lage, das Raumangebot oder das Preis-Leistungs-Verhältnis. Man wird sich andere Mittel und Wege überlegen müssen, um Nachhaltigkeit im Veranstaltungsmanagement flächendeckend voranzubringen. Zum Beispiel einen stärker verbindlichen Nachhaltigkeitskodex, der bestimmte Kriterien vorschreibt und Eingang finden muss in die Veranstaltungsrichtlinien der Unternehmen und Verbände. So wird Nachhaltigkeit zum Hygienefaktor, der allen Entscheidungen im Veranstaltungsmanagement vorausgeht, so auch der Location-Wahl.


Steckbrief zur Studie der Hochschule Worms

Die Studie wurde von Nicola Franke als Online-Befragung durchgeführt. Es wurden 4.862 Personen eingeladen teilzunehmen, über die Verteiler des VDVO e.V. sowie der m:con GmbH sowie weitere qualifizierte Adressen. Die effektive Stichprobe belief sich auf 122 vollständig ausgefüllte Fragebögen (Rücklaufquote 2,5 %), davon waren 60 % Event-Agenturen und 40 % Corporates. 18 % der Antworten entfielen auf Großunternehmen mit über 250 Mitarbeitern, 35 % auf kleine bis mittlere Unternehmen mit 10 bis 249 Mitarbeitern und die restlichen 47 % auf kleine Unternehmen mit bis zu neun Mitarbeitern.


Die Autoren

Nicola Franke, B. A., Absolventin des Fachbereichs Touristik/Verkehrswesen an der Hochschule Worms, verfasste ihre Bachelor-Thesis über „Nachhaltigkeit im Veranstaltungsmanagement“. Prof. Dr. Hans Rück ist Dekan des Fachbereichs Touristik/Verkehrswesen an der Hochschule Worms und lehrt dort Eventmanagement und Marketing. Er betreute die Thesis von Nicola Franke.

Produkt: events Magazin Digital 04/2015
events Magazin Digital 04/2015
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Kommentar zu diesem Artikel

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