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Basisschutz-Maßnahmen für MICE

Wirklich startklar für den Tag „X“?!

Rakete(Bild: digital designer – pixabay)Die Entwicklung in Sachen Corona ist hochdynamisch und die Halbwertzeit reduziert sich dramatisch. Was gestern noch Gewissheit war, wird heute kontrovers diskutiert und wendet sich teilweise im Handumdrehen. Bestes Beispiel: die Maskenpflicht, die nun bundesweit in Kraft tritt.

Dabei muss man nicht über alle Entwicklungen erfreut sein. Vieles darf und muss man kritisch sehen; exemplarisch genannt sei das faktisch (befristete) Berufsausübungsverbot für die Veranstaltungsbranche, die Einschränkung der Grundrechte und der Datenschutz. Bei den übergeordneten Zielen sind sich Bund, Länder und Kommunen einig. Bei der Umsetzung in spezielle Maßnahmenkataloge werden gleich wieder Unterschiede zwischen den Bundesländern sowie einzelnen Regionen und Städten deutlich. Die Kritiker sprechen dann von Insellösungen oder von einem Flickenteppich.

Überblick: Corona-Schutzmaßnahmen im öffentlichen Raum

Auffällig ist, dass zunehmend differenzierte Maßnahmen zum Tragen kommen. Da macht es durchaus Sinn, sich die Corona-Schutzmaßnahmen für verschiedene öffentliche Bereiche einmal näher anzuschauen. Für die Veranstaltungsbranche verbindet sich damit die (Existenz-)Frage:

Wie können sich Locations, Veranstalter und Agenturen auf den Tag „X“ vorbereiten, wenn die Türen der Veranstaltungshäuser wieder aufgehen? Und was können und müssen die Branchenverbände und alle mit politischem Einfluss tun, damit MICE-Veranstaltungen unter verantwortbaren Bedingungen früh(-er) möglich werden?

Was nicht geht, ist klar: Gemäß „Beschluss“ (Telefonschaltkonferenz der Bundeskanzlerin mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder am 15. April 2020) sind bis 31. August Großveranstaltungen verboten. Interessant z. B. in Berlin. Mit der 4. Corona-Verordnung vom 21. April (SARS-CoV-2-EindmaßnvV) sind ab dem 4. Mai Veranstaltungen/Versammlungen bis 50 Teilnehmer im Freien ohne Antragspflicht wieder zugelassen.

  • Größere Veranstaltungen und Versammlungen in geschlossenen Räumen sind derzeit nicht erlaubt.
  • Veranstaltungen/Versammlungen mit mehr als 1.000 Personen dürfen nicht stattfinden.
  • Großveranstaltungen mit mehr als 5.000 Personen sind bis einschließlich 24. Oktober verboten.

Und dann? Es wird sich zeigen, ob Veranstaltungen und Versammlungen mit mehr als 1.000 bzw. 5.000 Personen nach den Stichtagen erlaubt sein werden oder ob die Verbote verlängert werden (müssen). So ganz nebenbei wäre damit auch (politisch) geklärt, was eine Großveranstaltung ist: Ab 5.001 Personen bzw. Teilnehmer (?). Wobei die Evidenz für diese Schwellenwerte weiterhin offen bleibt.

Mit dem Einstieg in den Ausstieg von den umfassenden Einschränkungen und Verboten weist die Exit-Strategie vom Lockdown sehr konkrete Maßnahmen aus. Was können wir für MICE lernen aus den Auflagen z. B. für Einzelhandelsgeschäfte, Schulen, Gottesdienste?

Grundlegend und für alle verbindlich ist das Einhalten strenger Hygiene- und Abstandsvorgaben. So verordnet z. B. Berlin mit der genannten Verordnung „SARS-CoV-2-EindmaßnvV“ eine Reihe von „Abstands- und Hygienemaßnahmen“ als Mindeststandard. Damit handelt es sich praktisch um ein „Corona-Basis-Maßnahmenpaket“, wenngleich nicht alle Vorgaben für alle Bereiche gelten bzw. zutreffen.

Hygiene- und Abstandsvorgaben:

  • Reduzierung sozialer Kontakte auf das absolut notwendige Minimum
  • Regelmäßiges Händewaschen
  • Einhaltung/Sicherung des Mindestabstandes von 1,5 m zu („fremden“) Personen
  • Rigorose Husten- und Niesetikette
  • Verstärkte Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen
  • Steuerung des Zutritts/Zugangs zu Gebäuden
  • Erstellung einer Anwesenheitsliste
  • Maskenpflicht (das Tragen von Mund-Nasen-Schutz in Bus, S-Bahn und Tram) ab dem 27. April.

Vorgaben für Verkaufsflächen bis 800 qm:

  • Mindestabstand 1,5 m zwischen Person/Kunde
  • Begrenzung der Personenzahl auf 20 qm Verkaufsfläche pro Person/Kunde
  • Besucherregulierung: organisatorische Maßnahmen zur Begrenzung von 1 Person auf 20 qm
  • Aufenthaltsreize sind abzuschaffen, keine neuen Anreize zum Verweilen anzubieten
  • Regulierung der Wartebereiche: max. 10 Personen im Wartebereich (z. B. keine Warteschlangen im Kassenbereich)

Weiterführende Vorgaben finden sich z. B. in der 15. E-Mail des Schulministeriums NRW vom 18. April zum „Umgang mit dem Corona-Virus an Schulen“. Soweit hier nicht schon thematisiert werden ergänzend genannt:

  • Die Hinweise und Vorgaben zu den Hygienemaßnahmen und zum Infektionsschutz beziehen sich auf die Schüler und Lehrkräfte (und vermutlich auch auf alle anderen Schulmitarbeiter, obwohl sie nicht explizit genannt werden).
  • Gewährleistung des Mindestabstandes auch auf den Verkehrswegen/-flächen, beim Zugang zu den Toiletten/Waschgelegenheiten und ausreichend Hände-Waschgelegenheiten
  • Verzicht auf Händeschütteln
  • Reinigung und Wischdesinfektion potentiell kontaminierter Flächen, z. B. Tastaturen, Türkliniken, Treppenläufe, Sanitäranlagen
  • Kommunikation der Hygienemaßnahmen
  • Namentliche und nach Sitzplatz bezogene Registrierung (Tisch-/Sitzordnung)
  • Keine gemeinsame Nutzung von Bedarfsgegenständen wie z. B. Gläser, Trinkflaschen, Löffel etc.
  • Einholung von Informationen zu Vorerkrankungen
  • Ausschluss von symptomatisch kranken Personen

Den Verzicht auf das Händeschütteln und die Dekontamination von Nutzflächen gehören zu den Hygieneregeln. Wichtig sind die Erweiterung der Zielgruppen und die räumliche Erweiterung auf das gesamte Schulgebäude/-gelände. Die meisten dieser Maßnahmen kann man leicht auf den Veranstaltungssektor übertragen.

Größtmöglicher Schutz:

Schutzmaßnahmen für MICE-Veranstaltungen

Mundschutz_Grafik(Bild: Grégory ROOSE – pixabay)Ergänzt um weitere Komponenten könnte das „Corona-Basis-Maßnahmenpaket“ für MICE-Veranstaltungen und speziell Kongresse folgende Module beinhalten:

  • Mindestabstand von 1,5 m (besser 2 m) zwischen den Teilnehmern, Mitarbeitern, Locationbetreibern und Veranstaltern, Agenturen/PCOs, Ausstellern, Technikern, Messebauern und allen anderen (kurzzeitig präsenten) Personen
  • Wenn der Mindestabstand nicht gewährleistet werden kann, ist das Tragen einer Mund-Nase-Maske obligatorisch. Das kann für einzelne besonders neuralgische Bereiche gelten oder die Dauer der ganzen Veranstaltung. Die Regelung gilt für Teilnehmer/Besucher sowie für Mitarbeiter (Betreiber, Veranstalter, Agentur/PCO und alle Dienstleister). Der Geltungsbereich würde dann auch den Auf- und Abbau umfassen.
  • Regelmäßige Handhygiene mit Desinfektionsspendern und entsprechenden Maßnahmen auf den Toiletten.
  • Informationen, Anleitung und Unterweisungen zum Einhalten der Husten- und Niesetikette, z. B. durch Poster, Hinweisschilder und Lautsprecherdurchsagen in den Pausen.
  • Verstärkte Reinigungs- und Desinfektionsmaßnahmen, z. B. von Tischen (Parlamentarische Bestuhlung), Türklinken, Griffen, Geländern. Zwischenreinigung von Toiletten und Gängen. Häufige Leerung der Abfallbehälter (mit Deckel!)
  • Zu den Hygienemaßnahmen zählt auch, dass die Räume häufig und gründlich gelüftet werden. Bisher hatte man mit Teilnehmern schon mal Diskussionen, weil es ihnen im Raum dann zu kalt war. Das ändert sich jetzt vielleicht. Wenn das Lüften ein Muss ist und z. B. der Große Saal kein Tageslicht hat, dann hat die Location ein Problem. Das könnte zu einem KO-Kriterium werden.
  • Der Abstandsregelung kommt neben den Reinigungs- und Hygienemaßnahmen besondere Bedeutung zu. Bei Indoor-Veranstaltungen im Regelbetrieb geht es dabei um Verkehrsströme, Personendichten, „Flaschenhälse“, Zwangspassagen und Problemzonen, z. B.  bei Schlangen vor den Toiletten und am Buffet, Wartepulks am Tagungsbüro und bei der Zugangskontrolle etc.

Die Hygieneprobleme und die Gefahr der (punktuellen) Verdichtung bestehen nicht nur indoor sondern auch outdoor – bei den Parkplätzen, im Bereich „Last Mile“ und dem ÖPNV (vom Fern- und Flugverkehr ganz zu schweigen). Als verantwortlicher Planer kann man da steuern, das Thema ist aber sehr komplex.

  • Teilnehmerlisten sind bei Kongressen kein Problem und können jederzeit in elektronischer Form und Realtime abgerufen werden. Vergleichbares gilt für die Mitarbeiter und Dienstleister des Betreibers, Veranstalters und die Aussteller an den Firmenständen.

Weitere Überlegungen/Problemstellungen

Für den MICE-Sektor lässt sich auch ableiten, dass der gesamte Bereich F&B, die gastronomische Versorgung der Besucher und Teilnehmer ein Riesenthema wird. Gleiches gilt für die Toiletten(-anlagen). Großes Potential liegt in der Digitalisierung – exemplarisch die „Corona-App“ (digital contact tracking – PEPP-PT), Abstandssensor mit Warnmelder. Dabei gilt: Chancen eröffnen auch Risiken.

Diskussionen wird es auch rund um den Gesundheitsstatus geben: Wie können wir sicherstellen, dass (möglichst) keine mit dem Corona-Virus infizierte Person auf unsere Veranstaltung kommt und somit das Event zum „Hot Spot“ wird. Die Beispiele Ischgl und Heinsberg haben das Problem mehr als deutlich demonstriert. Schließlich geht es nicht nur um die Teilnehmer bzw. Besucher sondern in gleicher Weise um alle Mitarbeiter, Fremdarbeitskräfte und (temporär) Anwesende (alle Genannten männlich, weiblich, divers). Auch das dürfte eine große Herausforderung sein.

  • Dürfen nur Personen mit einem „Gesundheitspass“ (Zertifikat) zur Veranstaltung?
  • Wird bei allen am Eingang mit einem Digitalthermometer die Körpertemperatur gemessen?
  • Braucht es eine Gesundheitspolizei, die beim Zugang und während der gesamten Veranstaltung Personen mit Erkältungs-/Grippesymptomen herausfiltert?

Auf diese Fragen viele haben wir wahrscheinlich alle noch keine zufriedenstellenden Antworten. Aber wir werden Antworten finden müssen oder die Veranstaltungstüren bleiben noch für lange Zeit zu.

Noch völlig unklar ist, wie sich die Besucher/Teilnehmer unter den restriktiven Bedingungen künftig verhalten werden. Gleiches gilt für das Engagement der Unternehmen als Aussteller und Sponsor. Schließlich haben beide über die Monate gelernt, mit dem „Entzug“ zu leben. Und dann ist da noch die Ungewissheit – sie ist Gift für alle Planer und Marketer.

Zeit sinnvoll nutzen:

Betreiber von Locations & Hotels müssen sich vorbereiten

An dieser Stelle ein Hinweis auf die aktuelle Veröffentlichung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales vom 16. April 2020: „SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandard“. Das Paper ist hilfreich und gibt eine gute Orientierung. Wer als Betreiber oder Veranstalter die Zeit des Lockdown nutzt, um auf Basis dieser Überlegungen und oder weiterer Vorschläge und Vorgaben einen „Hygiene-/Infektionsschutzplan“ für sein Haus bzw. seine Veranstaltung erstellt und die notwendigen Unterweisungen der Mitarbeiter vornimmt, der hat gute Karten, wenn die Türen der Veranstaltungshäuser wieder öffnen und größere Tagungsbereiche endlich wieder genutzt werden können.

An dieser Thematik wird künftig niemand mehr vorbeikommen als verpflichtender Teil einer differenzierten Gefährdungsbeurteilung und als Bestandteil eines Sicherheitskonzeptes. Dabei kann ich mir vorstellen, dass viele Verantwortliche aus den Bereichen Arbeitssicherheit oder Veranstaltungsmanagement bei der Komplexität der Anforderungen rund um das Thema sehr schnell an Grenzen kommen werden.

So könnte es ein weiterer Schritt der Professionalisierung in der Veranstaltungsbranche sein, wenn es neben den qualifizierten Fachkräften für Veranstaltungstechnik, Veranstaltungssicherheit u. a. sowie dem Veranstaltungsleiter nach § 38.2 M-VStättVO künftig auch eine(n) Verantwortliche(n) für die Veranstaltungshygiene gäbe. Bei der erforderlichen Expertise sowie der Komplexität und der Vielzahl der Veranstaltungen könnte das Sinn machen. (P.S. Den (Fach-)Arzt für Krankenhaushygiene gibt es im medizinischen Bereich übrigens schon seit vielen Jahren. Gemäß Richtlinie des Robert-Koch-Instituts (RKI) muss in Akutkrankenhäusern mit über 400 Betten ein hauptamtlicher Krankenhaushygieniker beschäftigt werden.)

Über den Autor:

Dr. Frank Mücke(Bild: Alex Talash)Dr. Frank Mücke ist Geschäftsführer der Kodex-zertifizierten Full-Service-Agentur comed GmbH in Köln und bietet 30 Jahre Erfahrung in der Veranstaltungsorganisation, speziell in den Bereichen Pharma, Medizintechnik, Wissenschaft und Verbände. Die Agentur organisiert „kleine und feine“ Veranstaltungen ebenso wie Kongresse mit mehreren Tausend Teilnehmern.

Lesen Sie auch den Artikel “Corona: Aus-Wege für die Veranstaltungsbranche” von Dr. Frank Mücke.

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