Das neue CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz

Wie wichtig ist die MICE-Branche im Nachhaltigkeitsprogramm großer Unternehmen?

Nachhaltigkeit grün green3d Männchen mit Stromkabel
fotomek - Fotolia

Aus der viel diskutierten EU-Richtlinie zur erweiterten Berichterstattung nichtfinanzieller Informationen wurde ein deutsches Gesetz, das aktuell noch viele Fragen aufwirft und Anlass zu Spekulationen gibt. Das „CSR-Richtlinie-Umsetzungsgesetz“ verpflichtet große kapitalmarktorientierte Unternehmen, standardisiert und messbar darüber zu informieren, wie sich ihre Geschäftsaktivitäten auf Gesellschaft und Umwelt auswirken. Beschlossen wurde es vom Bundestag am 10. März 2017 rückwirkend zum 01. Januar 2017.

Wesentlichkeitsmatrix aus drei Perspektiven

Aber jedes Unternehmen ist verschieden und die Nachhaltigkeitsaspekte haben unterschiedliche Gewichtungen in Bezug auf das Kerngeschäft. Deshalb ist die sogenannte Wesentlichkeitsanalyse der ordnende Bestandteil der Berichterstattung nichtfinanzieller Faktoren. Sie bestimmt, über welche „wesentlichen“ nicht finanziellen Themen ein Unternehmen berichtet. Dazu wird zu den Einflussfaktoren eines Unternehmens auf Umwelt und Gesellschaft eine externe Umfeldanalyse und eine interne Analyse entlang der Wertschöpfungskette vorgenommen und mit den Erwartungen der Stakeholder gegenübergestellt.

Hier wird klar, warum das Gesetz zur nichtfinanziellen Berichterstattung kaum Einfluss auf die MICE-Branche als Teil der Lieferkette haben dürfte. Nur sehr wenige Unternehmen werden zugleich unter das Gesetz fallen und zudem auch noch die Durchführung von Veranstaltungen als wesentlichen Bestandteil ihrer nichtfinanziellen Erklärung identifizieren. Denn erst dann würde das Argument des Lieferkettendurchgriffs gelten.

Jedoch haben einige Unternehmen, insbesondere aus der Pharma- und Finanzindustrie, in ihren Wesentlichkeitsanalysen Themenfelder benannt, die in einer recht weit gefassten Betrachtung auch Dienstleistungen der MICE-Industrie betreffen. Zum Beispiel findet sich im aktuellen Nachhaltigkeitsbericht der DekaBank ein entsprechender Hinweis zum nachhaltigen Einkauf von Waren und Dienstleistungen im Rahmen eines nachhaltigen Bankbetriebes.

In einem eigenen Risikoaudit wurden bereits 80 Prozent der Lieferanten überprüft und ein Prozess definiert, der zum Ausschluss eines Lieferanten führen kann, wenn dieser nicht nachhaltig agiert. Und viel wichtiger: Es ist definiert, dass die Nachhaltigkeitsleistung in die Entscheidungen des Einkaufsprozesses einbezogen wird. Auch bei der Allianz Versicherung wird in einem aktuellen Bericht darauf verwiesen, den Einkaufsprozess auf Nachhaltigkeitsaspekte zu erweitern.

Aber der übliche Gewichtungsprozess bei der Bewertung dürfte auch genügend Spielraum für die Auswahl einer in Sachen Nachhaltigkeit unbedarften Veranstaltungsagentur lassen. Also vielleicht doch eher „same procedure as every year“?

Nicht warten, sondern starten und Wettbewerbsvorteile sichern

Anstelle auf den Zwang einer Berichtspflicht auf die Lieferkette zu warten, sollte die MICE-Branche vielmehr erkennen, was ihr Nachhaltigkeit für Vorteile bringt. Neben dem eigenen Antrieb, den nachfolgenden Generationen eine lebenswerte Umgebung zu schaffen und zu erhalten, bieten sich auf verschiedenen Ebenen vielfältige und vor allen Dingen erfolgversprechende Handlungsweisen an.

Die entstehenden Vorteile gelten für jedes Unternehmen der MICE-Branche und können in Verhandlungen mit Kunden, Kommunen und Zulieferern die Position im Wettbewerb deutlich verbessern. Ein Nachhaltigkeits-Management im eigenen Betrieb einzuführen, bedeutet sich mit den vielfältigen Prozessen im eigenen Unternehmen und Umfeld detailliert auseinanderzusetzen, diese zu prüfen und zu steuern. Dies wird in jedem Fall zu einer Prozessverbesserung und einem Qualitäts-Management führen. Kaum ein Einkäufer oder anderer Verhandlungspartner wird sich diesen Punkten bei der Auswahl des passenden Partners verschließen.

Wie erwähnt, schaut auch der Kapitalmarkt immer mehr auf Nachhaltigkeit. Wer im Rahmen einer Kreditvergabe auf eine saubere Analyse seiner Wertschöpfungskette und der auftretenden Risiken verweisen kann, wird es wahrscheinlich bei der nächsten Kreditentscheidung seiner Hausbank einfacher haben. Aber es lohnt sich für die einzelnen Marktteilnehmer auch, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Städte, Gemeinden und Regionen sind dazu angehalten, die Ziele des Pariser Klimaabkommens auf lokaler Ebene umzusetzen. Gerade die finanz- und besucherstarke MICE-Branche kann als Leuchtturm für die eigene Destination einen wichtigen Beitrag dazu leisten und sich nebenbei auch noch im nationalen und internationalen Wettbewerb herausragend positionieren.

Nachhaltigkeit im Veranstaltungsmanagement

Mit Allianzen für Nachhaltigkeit & Klimaschutz punkten

Schon heute gehen die Tourismusorganisationen und Kongressbüros einiger Destinationen gemeinsam mit den verschiedenen Dienstleistern der Region diesen Weg. Sie sichern sich so auf der einen Seite entscheidende Mitsprachemöglichkeiten bei den Maßnahmen der Städte, Gemeinden und Länder zur Umsetzung der Klimaziele. Aktiv dabei sein ist besser, als sich anschließend zu beschweren, dass die Argumente einer ganzen Branche nicht berücksichtigt wurden! Auf der anderen Seite entstehen so weitere Möglichkeiten der Vermarktung und Sicherung eines langanhaltenden, also nachhaltigen, Geschäftserfolges. Denn dass Nachhaltigkeit in Zukunft ein mehr und mehr entscheidendes Auswahlkriterium für Destinationen im nationalen und internationalen Wettbewerb werden wird, steht außer Frage.

Der Global Destination Sustainability Index (GDS-Index) gibt einen eindeutigen Ausblick, wo die Reise für die MICE-Branche hingehen wird. Bereits heute stehen zwei große deutsche Destinationen auf den Top-Ten-Plätzen des internationalen Rankings. Und mit Sicherheit werden in Kürze weitere folgen. Stuttgart auf Platz vier und Frankfurt auf dem zehnten Platz haben schon jetzt die Möglichkeiten zur internationalen Vermarktung einer ganzen Destination unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit erkannt. All diese Argumente zeigen: Nachhaltigkeit lohnt sich für die Branche auch ohne den Zwang der großen Unternehmen!


Quellen:

Deka-Gruppe Nachhaltigkeitsbericht 2016, Seite 27 ff., www.deka.de (Zugriff 23.07.2017)

Allianz Group Sustainability Report 2016, Seite 51, www.allianz.com (Zugriff 23.07.2017)


Über die Gastautoren

Martina Riediger und Christian Oblasser sind Gründer von trias consulting und Autoren verschiedener Fachartikel und -bücher zum Thema Nachhaltigkeit. Sie beraten Destinationen und die angeschlossenen Unternehmen zu Nachhaltigkeitsprogrammen, Zertifizierungen und aktuellen internationalen Themen, wie beispielsweise den Global Destination Sustainability Index (GDS-Index) oder den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK).

Kontakt: trias consulting – Beratung für nachhaltige Prozesse

[1558]

Hinterlasse einen Kommentar

Das könnte Sie auch interessieren: