events Magazin 01/2018

Nur in der Reibungszone ist Leben – Abschieds-Editorial von Hans Jürgen Heinrich

Hans Jürgen Heinrich, Herausgeber von events
Hans Jürgen Heinrich, Herausgeber von events

Journalismus kann abdanken, wenn er harmlos wird. Das hat Willy Brandt einmal gesagt. Und ganz in diesem Sinne war das Editorial zum Auftakt jeder Ausgabe mein gerne genutztes, kleines freies Spielfeld, um hier und da ein wenig Unruhe zu stiften, Banalität und Harmlosigkeit zu vermeiden. Heute ist dieser besondere Platz dazu da, um abzudanken.

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Der gesetzliche Unruhestand ist erreicht. Nicht der leicht amorphe Gemütszustand der „Altersmilde“. Ist es doch so, dass gerade „wir Alten“ uns einmischen müssen. Denn wir haben es nicht mehr nötig, falsche Rücksichten zu nehmen, müssen unser wertvolles Glitzerzeug nicht mehr eintauschen gegen ein sicheres Grau-in-Grau. Wir sind frei.

Abdanken. So erschreckend wie es klingt, lässt es sich doch positiv interpretieren. Denn es hat etymologisch etwas mit Dank, einem letzten Dank zu tun. Dank an eine Branche, über die ich mich gerne hin und wieder kritisch geäußert habe. Dank an ein berufliches Umfeld, das spannender war und ist als viele andere Industriezweige, in denen man als Fachjournalist unterwegs sein kann. Ich verdanke 20 Jahren MICE, davon fast genau auf den Monat 10 Jahren events, wunderbare Reisen, großartige Veranstaltungen und Begegnungen mit interessanten Charakteren in aller Welt.

Aber Zeit, Berührendes zu vertiefen, blieb in den letzten Jahren immer weniger. Nicht nur der durch die Digitalisierung hervorgerufene Existenzdruck hat das Leben eines traditionellen Fachjournalisten schneller, kleinteiliger und oberflächlicher gemacht. Prozesse werden komplizierter durch Mittelmaß, Bürokratie und Kleinkariertheit. Der Zeit und Nerven sparende, sichere Blick für das Wesentliche schient in ausufernder Kakophonie verloren zu gehen. So verlässt man die Kommandobrücke im zarten Alter von 65+ mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Die Herrschaft über seine Zeit zurückzugewinnen, das Hamsterrad leichtfüßig verlassen zu können, ist eine schöne Sache. Vieles aufzugeben, was einem mehr als zwei Jahrzehnte lang lieb und vertraut war, ja geradezu Lebensinhalt wurde, gleicht dennoch einer noch leicht beargwöhnten Reise ins unbekannte Land.

Was bleibt? events wird von meiner langjährigen Kollegin Claudia Göhnermeier weiter gut betreut – mit einem stetig wachsenden Fokus auf digitaler Kommunikation. Ich werde auf freiberuflicher Basis dem Magazin noch eine kleine Weile verbunden bleiben. Und ansonsten genug Zeit und Lust haben, meine Kompetenz und Erfahrung in gut ausgesuchte neue Projektfelder einzubringen. Was ja der Sinn des Unruhestands ist. Denn er muss kein Sofa sein, er kann durchaus auch Sprungbrett in ein beruflich erfülltes Leben jenseits des Hamsterrades werden.

Ihnen allen Danke für langjähriges Vertrauen, Wertschätzung und viele Ermunterungen. Aber auch für manchen kleinen Dissens, dem ich selten aus dem Weg gegangen bin, weil er zu meinem Grundcredo gehörte: „Nur in der Reibungszone ist Leben!“ Denn Flachheit und journalistische Katzbuckelei, die ich mir viel zu oft Kopf schüttelnd anschauen musste, war mir immer ein Graus. Gleichermaßen die Untugend, sich an Allem und Jedem den Schnabel zu waschen. Auch dafür gibt es leider „Spezialisten“.

Als Mutmacher für die Einen und Kritik für die Anderen nun noch ein kleines Vermächtnis für das Stammbuch. Einen Satz meines Lieblings-Schriftstellers Kurt Tucholsky: „Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf. Wer schludert, der sei verlacht, für und für. Wer aus Zeitungswörtern und Versammlungssätzen seines dahinlabert, der sei ausgewischt, immerdar.“ Möge Mut, Verstand und spitze Feder sein, das zu beherzigen. Wann immer man kann! [4195]

Machen Sie’s gut!

Unterschrift Hans Jürgen Heinrich

 

 

 

 

Hans Jürgen Heinrich
Herausgeber

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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Lieber Herr Heinrich,
    alles Gute für Ihren „Unruhestand“. Ich werde Ihre spitze Feder vermissen!
    Christine Jost
    AXICA

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