Buchtipp: Mit Currywurst auf Haifischfang

Kleine Leseprobe gefällig?

In “Mit Currywurst auf Haifischfang?” erklärt Matthias Kindler in 12 Kapiteln unterhaltsam die wichtigsten Eckpunkte und Herangehensweisen für wirkungsvolle Events.

Schonungslos ehrlich möchte er dem Leser typische und häufige Fehler vor Augen führen und anschaulich erläutern, wie man sie in Zukunft mit einfachen Mitteln vermeidet.

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Hier finden Sie eine Leseprobe und Auszüge aus dem Inhalt:

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Sind Events große Missverständnisse?

Seit man Veranstaltungen von Unternehmen zum Zwecke der Kommunikation mit Kunden, Interessenten, Partnern, Medien oder Mitarbeitern Events nennt[1], also seit rund 20 Jahren, folgen sie einem bestimmten Strickmuster. Dieses Strickmuster scheint gottgegeben, unveränderbar und alternativlos zu sein. Es reiht die Elemente eines Events aneinander und bestimmt die Abfolge, in der die Eventbesucher etwas zu tun oder zu lassen haben. Dieses Strickmuster bestimmt, wer wann hungrig zu sein hat und wann Primärbedürfnisse befriedigt werden. Nennen wir dieses Strickmuster die Perlenkette.

Die Perlenkette dominiert den gesamten Planungsprozess von Events, sie raubt verantwortlichen Eventmanagern jeden gestalterischen Freiraum und sie bestimmt am Ende oft sogar die Budgethöhe. Sie ist der Grund dafür, dass sich die Konzeption eines Events häufig in der mehr oder weniger gelungenen Kombination von Event-Bausteinen aus der Schublade erschöpft. Sie ist dafür verantwortlich, dass Events nicht die Wirkung entfalten, die sie haben könnten.

Kaum jemand kommt auf die Idee, diese Perlenkette in Frage zu stellen.

Jeder erfahrene Eventbesucher weiß, was ihn bei einem Event erwartet. Ganz gleich, ob es sich um die Einführung eines neuen Produkts, die Jahresauftaktveranstaltung für den Außendienst oder ein hundertjähriges Firmenjubiläum handelt. Same procedure as last year? Same procedure as every year[2].

Vorhang auf und Bühne frei. Um die Funktionsweise der Perlenkette und ihre Tücken besser zu verstehen, begleiten wir einen imaginären Gast auf seinem Weg durch eine Abendveranstaltung. Nennen wir ihn Herrn K. Warum Herr? Bis heute besteht der überwiegende Anteil der zu den sogenannten „Corporate Events“ geladenen Gäste aus Männern. Dies spiegelt die noch immer vorherrschende Entscheiderstruktur deutscher Unternehmen wider, sieht man von einigen wenigen Branchen wie Kosmetik, Gesundheit oder Mode ab. Da wir diesen Zustand nicht schönreden können, bleibt es für diese Abhandlung also bei Herrn K. Und der ist inzwischen am Ort des Geschehens eingetroffen.

Die Ouvertüre

Nach der Anreise, die dank guter Wegbeschreibung und perfekter Parkplatz-Logistik stressfrei verlief, findet sich Herr K. am Eingang zur Location[3] wieder. Wegen der überall angebrachten Logos des Gastgebers besteht kein Zweifel, dass Herr K. am richtigen Ort ist, auch wenn vom Gastgeber selbst weit und breit keine Spur zu sehen ist. Aber immerhin, eine freundliche Hostess begleitet ihn zum Check-in, an dem Herr K. nach gar nicht so langer Suche sein Namensschild bekommt. So gerüstet steuert Herr K. auf das freundliche Cateringpersonal zu, versorgt sich mit einer Kleinigkeit zu trinken und erwischt hier und da eines der köstlichen, aber doch recht raren Häppchen.

Nun schweift sein Blick durch den Raum auf der Suche nach jemandem, der sich für ihn interessiert – leider vergeblich. Diejenigen, die eigentlich zu seiner Begrüßung und Betreuung anwesend sind, die Sales-Manager oder Key-Accounter, haben sich an einem Tisch zusammengerottet und beschäftigen sich dort intensiv mit sich selbst. Über das Wiedersehen mit den Kollegen freuen sie sich so sehr, dass ihre Rolle als Gastgeber im Moment leider hintenanstehen muss[4].

Von seiner sicheren Ecke an einem Stehtisch aus scannt Herr K. weiter die Location, nun auf der Suche nach vertrauten Gesichtern. Denn er weiß, dass sich dieser Teil des Events Get-together nennt und er networken soll. Nur mit wem? Herr K. konzentriert sich auf seine Primärbedürfnisse und stillt Hunger und Durst. Wer weiß, wann es das nächste Mal etwas gibt. Er lauscht der sehr vertraut klingenden Hintergrundmusik. Es muss wohl wieder etwas von Klassik Lounge sein. Oder doch eine ältere Café-del-Mar-CD?

Nach etwa 45 Minuten wird Herr K. erlöst, denn die Tür zu einem Nachbarraum öffnet sich und die freundlichen Hostessen bitten die Gäste, ihnen zu folgen. Herr K. ist ein wenig enttäuscht, denn diesen Programmpunkt hat er schon deutlich spektakulärer erlebt. Projektionsflächen, die sich als fahrbare Wände entpuppen, Stoffbahnen, die wie von Geisterhand in die Höhe schnellen oder umgekehrt blitzschnell zu Boden fallen. Natürlich immer verstärkt durch choreografierte Licht- und Toneffekte.

Herr K. ist aber froh, dass die Show nun beginnt, und sucht sich dankbar einen Platz im Auditorium. Zumindest die Stühle machen einen bequemen Eindruck, allerdings könnte dies auch ein erster Hinweis auf einen recht langen Abend sein. Als Herr K. dann eine Frau auf der Bühne sieht, ist er beruhigt. Frau auf Bühne bedeutet nach seiner langjährigen Event-Erfahrung eine externe Moderatorin, und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Ereignisse, die vor ihm liegen, zumindest professionell und unterhaltsam präsentiert werden.

Charmant begrüßt die Moderatorin nun alle Gäste und bringt ihre Freude zum Ausdruck, dass man so zahlreich erschienen sei – und das trotz des Streiks, der Messe, des schönen (beziehungsweise schlechten) Wetters oder des parallel stattfindenden Fußballspiels. „Und trotz der außerordentlich zähen Vorgänger-Veranstaltung im letzten Jahr“, ergänzt Herr K. in Gedanken und überlegt kurz, ob es nicht doch ein Fehler war, heute hierherzukommen.

Eine Fanfare reißt ihn aus seinen Gedanken und der Vorsitzende der Geschäftsleitung des Gastgebers, Herr C., betritt die Bühne. „Wo war der denn vorhin, als ich kam und alleine die Zeit überbrücken musste?“, fragt sich Herr K. Sollte ein guter Gastgeber seine Gäste nicht eigentlich an der Tür willkommen heißen?

Nun dankt der oberste Chef ebenfalls für das zahlreiche Erscheinen und betont, wie wichtig es ihm sei, dass man hier und heute zusammenkomme. Der Anlass sei ein gewichtiger und die Gäste erwarte ein unvergesslicher Abend, an dem sie das neue Produkt mit allen Sinnen erleben könnten. (Bitte ersetzen Sie je nach Anlass das Wort „Produkt“ durch „neue Strategie“, „Preisverleihung“, „Jubiläum“ etc.)

Applaus, Abgang von der Bühne. Das war ja halb so schlimm, denkt sich Herr K., aber als routinierter Eventbesucher weiß er, dass dies lediglich die Ouvertüre war. Schließlich gab es bisher weder einen Film noch PowerPoints und vom Produkt selbst war auch noch nichts zu sehen.

Der erste Akt

Korrekt, Herr K., denn nun betritt Herr Dr. F. die Bühne, verantwortlich für Marketing und Sales. In einem 40-minütigen Vortrag wird er darlegen, dass der Markt im Speziellen und die Welt im Allgemeinen nach diesem Produkt verlangt haben und dass man diesem Wunsch als kundenorientiertes Unternehmen natürlich folgen musste. Da Herr Dr. F. in der Materie nicht ganz sattelfest zu sein scheint und seine Fähigkeiten als unterhaltsamer Redner ausbaufähig sind, lenkt er davon mit jeder Menge Folien ab, die ausnahmslos bis an den Rand beschrieben sind. Darauf und auf die 12 Punkt kleine Schrift muss sich Herr K. so konzentrieren, dass die Zeit wie im Fluge vergeht.

Ermattet wartet Herr K. nun auf den Höhepunkt, auf den Reveal[5] – die feierliche Präsentation des von allen so sehnsüchtig erwarteten neuen Produkts. Da hat Herr K. aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Wenn so viele Kunden, Interessenten, Mitarbeiter und sogar Journalisten in einem Raum versammelt sind, kann Herr H., zuständig für die Finanzen des Unternehmens, die Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen. Er hat zwar inhaltlich mit Produkt und Anlass nichts zu tun, aber wie oft durfte Herr H. in letzter Zeit auf eine große Bühne? Eben. So ein Forum muss man nutzen und schließlich ist Herr H. auch Geschäftsführer, und wenn die Kollegen ans Pult dürfen, dann darf er auch. Gleiches Recht für alle. Bei Herrn K. stellen sich nun deutliche Ermüdungserscheinungen ein und er beginnt auf seinem nun-doch-nicht-mehr-ganz-so-bequemen Stuhl herumzurutschen.

Der zweite Akt

Mit dem gleichen Enthusiasmus, mit dem die zauberhafte Moderatorin normalerweise Weltstars anmoderiert, kündigt sie nun Herrn Dr. S. an. Dr. S. verantwortet die Produktentwicklung – und das macht ihn tatsächlich zum wichtigsten Mann des Abends. Das sollen auch ruhig alle spüren, denkt sich Herr Dr. S. und nimmt sich entsprechend seiner Bedeutung ausgiebig Zeit für seine Rede. Da er als Einziger inhaltlich Interessantes zu sagen weiß, lauschen ihm die Gäste auch recht aufmerksam. Wenn da nur nicht die Müdigkeit und der sich immer deutlicher artikulierende Hunger wären. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass bereits gut zwei Stunden vergangen sind, seitdem man(n) Platz genommen hat. Aber das Ende scheint nah und Herr K. hofft, dass er es gleich geschafft hat. Nur warum verändert sich jetzt noch einmal das Bühnenbild?

Kurzes Intermezzo

Herrn K. schwant Böses, und tatsächlich: Ein Artisten-Paar betritt die Bühne. In mehreren akrobatisch-artistischen Akten beweisen sie nun, was die Redner zuvor über die Produkteigenschaften behauptet haben. Wie dynamisch das neue Produkt sei, wie flexibel, wie formschön. Dafür strengen die beiden sich unglaublich an, verbiegen sich, sind flexibel, überaus dynamisch und sehen dabei natürlich auch anmutig und schön aus. Selbstverständlich wird die Wirkung dieser Performance durch emotionale Musik und eine ausgefeilte Licht- und Medieninszenierung unterstützt und verstärkt.

Herrn K. gefällt das gut. Er kennt dieses Künstlerduo nämlich bereits. Nicht ganz versteht er allerdings, warum die gleichen Artisten vor einigen Monaten bei einem Event einer Versicherung zur Einführung eines „Rundum-Sorglos-Paketes für den Mittelstand“ die gleiche Show dargeboten haben, nur in etwas anderen Farben. Doch bevor dieser Gedanke Herrn K. quälen kann, gibt die Moderatorin bekannt, dass das Buffet eröffnet sei und man sich auf weitere, intensive Gespräche mit allen Gästen freue.

Der Höhepunkt

„Danke“, denkt sich Herr K., während er sich mit köstlichem Rindfleisch für sein Sitzfleisch belohnen lässt. Zwar ist ein Buffet nicht sonderlich kommunikativ, da immer alle durcheinander rennen und Gespräche so nicht recht aufkommen wollen, aber das ist eigentlich auch egal, denn Herr K. ist überzeugt, dass heute Abend bereits alles gesagt ist. Prost, und damit ist er nicht allein. Auch die anderen Gäste stillen nun in erster Linie ihren großen Durst. Und weil der Caterer nach Verbrauch abrechnen wird, bleibt niemand lange auf dem Trockenen sitzen.

Das Finale

Zu fortgeschrittener Stunde ergeben sich dann für Herrn K. tatsächlich noch ein paar gute Gespräche. Aber leider nicht mit dem Gastgeber, sondern mit dem Hauptabteilungsleiter eines Wettbewerbers, zu dem er dank mehrerer köstlicher Cocktails an diesem Abend einen guten Draht entwickelt. In anderthalb Jahren wird Herr K. übrigens bei diesem Wettbewerber anheuern. Das ahnt er heute natürlich noch nicht, aber er fühlt, dass sich dieser Abend für ihn irgendwie gelohnt hat. Satt und ein wenig beschwipst macht sich Herr K. lange nach Mitternacht auf den Heimweg.

The End

Wie schon so oft zuvor wird Herr K. die Inhalte des Abends und die Vorteile des neuen Produkts in Kürze völlig vergessen haben.

Nachklappe

Was Herr K. an diesem Abend routiniert durchlaufen hat, war eine klassische Perlenkette, ein Event nach gelerntem Muster Ein Event, bei dem klassische Elemente aneinandergereiht werden. Hätte man Herrn K. am Parkplatz abgefangen und befragt, wie er sich den Ablauf des Abends vorstelle, hätte er ihn vermutlich genau so beschrieben. Schließlich war er schon sehr häufig auf solchen Veranstaltungen und weiß ganz genau, welche Programmpunkte in welcher Reihenfolge abgearbeitet werden müssen.

Zuerst eine kleine Stärkung, Zeit, um anzukommen. Dann das offizielle Programm, für das man gekommen ist – mit Reden, Dankesworten, Informationen und Vorträgen. Da dies in aller Regel wenig emotional ist, wird diese (wichtige) Facette anschließend über einen Showact dazu addiert. Zur Belohnung anschließend ein gutes Essen, dazu eventuell etwas Live-Musik. Und am Ende natürlich das gemütliche Ausklingen an der Bar.

Das kommt Ihnen recht bekannt vor? In der Tat, fast alle Events werden nach genau diesem Strickmuster konzipiert.

Hier beginnt das Missverständnis. Events sind keine Aneinanderreihung von logistischen Abläufen. Events sind keine Perlenkette, die man mit (Bau-)Steinen aus der Schublade bestückt. Events sind komplexe Kommunikationsmaßnahmen und ähneln, um beim Schmuck zu bleiben, viel eher einem Diadem.

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[1] Gute Trivia: Im Duden gibt es das Wort „Event“ seit 1996.

[2] „Dinner for One“ gibt es sogar schon seit 1963. Immer das Gleiche, alle Jahre wieder.

[3] Das klingt doch viel schicker, besser, moderner als „Veranstaltungsort“, oder?

[4] Vielleicht liegt das daran, dass sie nicht mehr Verkäufer heißen. Bei der Berufsbezeichnung wäre nämlich gleich klar, was ihre Aufgabe ist.

[5] English made in Germany – das gern benutzte Substantiv „Reveal“ heißt „Türlaibung“; „to reveal“ allerdings „verraten“ und „enthüllen“.

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