Produkt: events Magazine 04/2018
events Magazine 04/2018
Certified Hotels: Die Preisträger des Jahres 2018 +++ Messe 4.0: Tools für mehr Mehrwert auf Messen +++
Interview mit Jan Kalbfleisch, GF FAMAB

„Heimat sein für alle Experten aus allen Disziplinen der Live-Kommunikation!“

Jan Kalbfleisch_Portrait(Bild: FAMAB)Was muss ein erfolgreicher Verband heute leisten, um auf allen Ebenen „Sichtbarkeit“ zu erzielen und Mehrwerte für die Mitglieder zu produzieren? Der FAMAB e.V. ist in den letzten Jahren ein gutes Beispiel für vorwärts gerichtetes Denken und Handeln auf beiden Aktionsfeldern.

Im Kommunikationsverband FAMAB e.V. sind etwa 250 qualitätsgeprüfte Unternehmen zusammengeschlossen und zwar Messebau-Unternehmen, Marketing-/ Event-Agenturen, Messearchitekten und -designer, Event-Catering-Unternehmen sowie jeweils deren Fach-Zulieferanten. 2019 arbeitet Jan Kalbfleisch bereits in seinem siebten Jahr als Geschäftsführer des Verbandes, der vor 56 Jahren gegründet wurde. Mit ihm und dem neuen Vorstand an der Spitze hat der Verband einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht und mit entschlossenen Kooperationen und bemerkenswerten Eigenformaten seine Sichtbarkeit im ungeheuer heterogenen Markt der Live-Kommunikation signifikant erhöht. events hat nachgefragt, wo Jan Kalbfleisch die Stärken seines Verbandes heute sieht und wie es mit interessanten Projekten weitergeht.

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events: Mitglieder, Image, Substanz sind die drei Zieldimensionen, die der FAMAB für seine Arbeit der letzten Jahre ins Auge gefasst hatte. Wo stehen Sie heute auf diesen Feldern?

Jan Kalbfleisch: Wir dürfen sicher sagen, dass wir durch zusätzliche Leistungen und Themenfelder die Substanz des Verbands – und damit den Nutzen für die Mitglieder – erheblich erhöht haben. Auch beim Image haben wir vieles erreicht. Der FAMAB ist heute als breit aufgestellter Kommunikationsverband weithin erkannt und anerkannt.

Die Entwicklung der Mitglieder muss man zweigeteilt sehen. Uns freut sehr, dass wir einen kontinuierlichen Zulauf an neuen Mitgliedern haben. Darunter viele, die den FAMAB einstmals enttäuscht verlassen haben. Bemerkenswert ist übrigens, dass wir unsere Mitglieder praktisch ohne aktive Akquisition gewinnen. Allerdings verlieren wir auf dem neuen Weg – wie erwartet – auch Mitglieder. Wir wissen, dass viele potenzielle Mitglieder die Entwicklung des Verbands mit großem Wohlwollen beobachten. Es ist unsere Aufgabe, dieses Wohlwollen in Mitgliedschaften zu verwandeln. Denn der FAMAB ist die inhaltliche, fachliche und emotionale Heimat für alle Experten aus allen Disziplinen der Live-Kommunikation.

events: Erläutern Sie bitte einmal die Themen, bei denen Sie in der Lobby-Arbeit bei Ihren Mitgliedern punkten können und wie Sie das vorhaben? Stichworte: Gewerbesteuerrechtliche Hinzurechnung oder beispielsweise auch das Thema Wettbewerbsverzerrung durch Benachteiligung deutscher Messebauer gegenüber ausländischen Firmen…

Jan Kalbfleisch: Zwei Themen, die wir im FAMAB bereits seit Jahren auf der Agenda haben. Gerade im Bereich der gewerbesteuerlichen Hinzurechnung – übrigens nach meiner Auffassung ein absolut groteskes Beispiel unsinnigen staatlichen/kommunalen Handelns. Politisch haben wir hier die gesamte Bandbreite der Möglichkeiten gespielt. Vom Whitepaper, über Gespräche in mehreren Ministerien, bis hin zur Eingabe eines konkreten Änderungsvorschlags zum Gesetz.

Allerdings muss man in diesem Fall erkennen, dass politisches Handeln nicht unbedingt vom Streben nach Sinnhaftigkeit geprägt ist.

Jeder mit diesem Themenkomplex Befasste weiß um die Unsinnigkeit und Ungerechtigkeit dieser Regelungen. Aber: Sie spült Geld in knappe kommunale und Länderkassen. Und dies scheint der Zweck, der hier die Mittel heiligt. Derzeit wird dieses Gesetz auf höchstrichterlicher Ebene massiv angegriffen. Es ist davon auszugehen, dass die Regelungen aufgrund dieses Drucks nicht mehr lange zu halten sind. Allerdings bleibt abzuwarten, was danach kommt. Das Thema Wettbewerbsverzerrung ist erheblich anders gelagert und muss mit der gebotenen Vorsicht betrachtet werden.

Wir erhalten immer wieder und immer häufiger Berichte aus unserer Mitgliedschaft, die darauf hindeuten, dass beispielsweise bei Kontrollen der Einhaltung technischer (und sicherheitsrelevanter) und sozialer Richtlinien auf Messen mit zweierlei Maß gemessen wird.

Während internationale Wettbewerber – auch schon aufgrund sprachlicher Barrieren – weitgehend unbehelligt „wirken“ können, werden unsere Mitglieder mit einem überaus komplexen (und auf jeder Messe anderen) Regelwerk konfrontiert. Ohne Frage sind unsere Mitglieder Willens, diese Richtlinien umzusetzen. Dies löst jedoch, neben zahlreichen anderen Nachteilen, erhebliche Kosten aus. Sollten diese Aufwendungen mehrheitlich nur bei unseren Mitgliedern entstehen, würde das einen Wettbewerbsnachteil und möglicherweise auch einen Verstoß gegen die Grundsätze der Gleichbehandlung darstellen. Es wurde daher eine Arbeitsgruppe im Verband gegründet, die einen Weg erarbeiten wird, dieses Thema, strategisch, politisch und operativ anzugehen.

events: Das Themenfeld „Nachhaltigkeit“ ist beim FAMAB gut positioniert und sorgt für hohe Sichtbarkeit in der Branche. Sie haben die FAMAB-Stiftung ins Leben gerufen, Sustainable Company, Sustainable Project oder auch den Sustainability Summit, der sich mit seiner Hands on-Konzeption zu mehr als einer Alternative zur Green Meetings-Konferenz entwickelt hat. Wie erfolgreich sind SC und SP und wie geht es speziell mit dem Summit weiter?

Jan Kalbfleisch: Der ganze Bereich Nachhaltigkeit wird im FAMAB derzeit strategisch diskutiert. Wir müssen erkennen, dass die Forderungen hinsichtlich Nachhaltigkeit, die von Teilen der Kunden an unsere Mitglieder gestellt werden, schon über unsere Zertifizierung hinausgehen. Auf der anderen Seite stellen die Anforderungen von Sustainable Company noch heute für Teile der Branche erhebliche Hürden dar. Sustainable Project haben wir auf Wunsch des Marktes entworfen, um einzelne Projekte zertifizieren zu können. Allerdings ist die Nachfrage sehr gering. Wir werden sehen, ob es hier noch zu Änderungen kommt. Der Sustainability Summit musste im letzten Jahr aufgrund der BrandEx Pause machen. Beide Veranstaltungen wären mit unseren Kapazitäten nicht machbar. Aber es gibt gute Nachrichten: Noch in diesem Sommer wird es einige Gespräche geben, die möglicherweise mal wieder für eine spannende Meldung sorgen werden.

events: 1991 hat der FAMAB die Einkaufsgemeinschaft ESG ins Leben gerufen, die ihren Mitgliedern kostengünstige Einkaufsmöglichkeiten bei rund 80 Lieferanten bietet. Nun haben Sie die ESG vollständig übernommen, gekauft sozusagen. Mit welchem Zweck und welchen bisherigen Ergebnissen?

Jan Kalbfleisch: Die ESG wurde ja im FAMAB geboren. Allerdings wurde entschieden, die beiden Gesellschaften „nur“ operativ mit Kooperationsverträgen zu verbinden. Gemeinsam mit dem Vorstand und den Gesellschaftern der ESG konnten wir dies im letzten Jahr endlich ändern. Zum einen wollen wir mit den Leistungen der ESG unser Portfolio an Leistungen ergänzen. Die Beschaffung ist ein zentral wichtiges Thema für alle unsere Mitglieder. Hier professionelle Leistungen anbieten zu können, ist ein wichtiger Schritt in unserer Strategie. Und letztlich soll die ESG auch einen Wertbeitrag für den FAMAB liefern. Auch wenn wir als Verband eher den ideellen Zielen verpflichtet sind, benötigen wir auch dafür eine stabile und auskömmliche Finanzierung. Mit einem Rekordergebnis 2018 sind wir natürlich nicht unzufrieden. Aber auch in der ESG läuft der Transformationsprozess auf Hochtouren.

events: Das International Festival of Brand Experience geht 2020 in die zweite Auflage unter dem neuen Motto „Die Leidenschaft“. Beschreiben Sie doch bitte einmal, mit welchen Neuerungen bzw. Veränderungen Sie gegenüber 2019 aufwarten werden?

Jan Kalbfleisch: Wir haben im Rahmen der erfolgreichen 1. BrandEx viele wertvolle Erfahrungen gemacht, die wir nun umsetzen. Das Layout wurde deutlich verbessert und auf die Anforderungen der Veranstaltung optimiert. Wir haben erhebliche Anstrengungen unternommen, unserem eigenen Anspruch auf „Internationalität“ einen großen Schritt näher zu kommen. Unser Kuratorium arbeitet bereits seit Monaten daran, „Die Leidenschaft“ inhaltlich erlebbar zu machen. Und wir haben unseren Award deutlich verändert. Aber dazu gleich mehr…

events: Was hat Sie eigentlich am meisten geärgert bei den wenigen kritischen Stimmen zur diesjährigen Premiere der BrandEx? Und was hat Sie ganz besonders gefreut?

Jan Kalbfleisch: Ehrlich gesagt ärgere ich mich kaum noch über kritische Berichterstattungen. Vor allem deswegen, weil ich nur noch sehr selektiv lese. Und alles, was erwartbarerweise eher der Bewältigung eines Kindheitstraumas entspricht, als profunder, fachlicher und gerne kritischer Berichterstattung, ignoriere ich mit der Gelassenheit des Alters. Allerdings waren die Berichterstattung und auch die inoffiziellen Feedbacks der Teilnehmer sehr positiv. Es scheint insgesamt schon ganz gut gewesen zu sein.

Wenn alle, die es mir fest versprochen haben, wirklich kommen, müssen wir noch eine Halle nehmen!

events: Halten Sie eine stärkere Internationalisierung der BrandEx- Besucherzahlen für realistisch angesichts von Standort, für ausländische Teilnehmer enormen Kosten und doch mehrheitlich eher typisch deutschen Thematiken? Und wenn ja: Wie wollen Sie das erreichen?

Jan Kalbfleisch: Ganz klar: Ja, das ist erreichbar! Aber es ist sicher der schwierigste und langwierigste Teil in der Entwicklung der BrandEx. Wir tun sehr viel – als Verband und als BrandEx – um ein umfassendes internationales Netzwerk zu pflegen. Und hier punkten wir natürlich auch durch die Partnerschaft mit der BOE, die mittlerweile die größte Messe für unsere Branche in Europa ist. Wir werden in diesem Jahr bereits mit einem deutlich erhöhten Anteil Internationaler Speaker an den Start gehen. Dortmund im Januar ist jetzt touristisch vielleicht kein „Wow“. Aber ich hörte ja, dass Kollegen, die eine Veranstaltung im Sommer in der Türkei machen wollten, darauf lieber verzichtet haben. Es kommt also auch immer auf die Perspektive an. Übrigens wird in diesem Jahr ein größerer Anteil unserer Juroren international sein.

events: Die Anzahl der verliehenen Awards auf der BrandEx ist enorm hoch geworden durch die Integration neuer Award-Kategorien von Partnern. Unseres Erachtens nach zu hoch. Ausufernde Preisverleihungen gehören ohnehin zum Ödesten, was unsere Branche zu bieten hat. Wie wollen Sie das dramaturgisch 2020 in den Griff bekommen?

Jan Kalbfleisch: Hier muss ich zunächst widersprechen. Die Anzahl der Kategorien und Preise ist im Vergleich zum FAMAB-Award deutlich gesunken. Aber ich stimme allen Kritikern zu: Die Preisverleihung war zu lang und muss kürzer werden. Das ist auch unser festes Ziel. Es ist immer ein Zielkonflikt zwischen einer Ausgewogenheit im Award (für die man nun mal unterschiedliche Kategorien benötigt), einer kurzen, schnellen Verleihung und der zu Recht gewollten Würdigung der Preisträger.

Wir haben bei der Award-Verleihung dieses Mal eine dramaturgische „Geheimwaffe“ aus Berlin…

events: Wir sind anlässlich der diesjährigen JHV auf R.I.F.E.L. e.V. aufmerksam geworden. Das scheint eine spannende Einrichtung für wissenschaftliche Untersuchungen und Studien zu sein. Erklären Sie uns bitte, was es damit auf sich hat?

Jan Kalbfleisch: Das Research Institute for Exhibition and Live-Communication haben wir gemeinsam mit Vertretern der TU Chemnitz ins Leben gerufen. Unser Ziel ist es, gemeinsam mit den Kunden unserer Branche Forschungsfragen zu formulieren, Ergebnisse zu liefern und diese in die Entwicklung der Branche einzubringen. Dazu haben wir einen 20-köpfigen Forschungsbeirat gegründet, in dem Mitglieder, Branchen-Vertreter und Kunden sich treffen und miteinander arbeiten. Derzeit beschäftigen wir uns intensiv mit neuen Veranstaltungsformaten und bereiten die erste pan-europäische Marktstudie gemeinsam mit der LiveCom-Alliance vor.

events: Was sind Ihre wichtigsten Vorhaben für den Rest des Jahres 2019?

Jan Kalbfleisch: Für extern sicher die BrandEx. Aber wir haben auch u. a. eine EUROSHOP, auf der wir mit einer interaktiven Gemeinschaftsfläche „The Art of Exhibition“ vorbereiten. Natürlich unseren Auftritt auf der BOE und eine Messebeteiligung auf der Exhibitor Live in Las Vegas sowie eine große Studienreise zur Ars Electronica. Außerdem die Überarbeitung unserer Seminarreihe „Projektleiter Messe & Event“ und die Entwicklung eines neuen Berufsbilds „Fachkraft Messe- und Eventbau“.

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