events Magazin 03/2017

Es ist nicht alles Gold was glitzert – Editorial von Hans Jürgen Heinrich

Fetischismus ist laut Wikipedia die Verehrung bestimmter Dinge im Glauben an deren übernatürliche Eigenschaften. Nachdem das geklärt wäre, können wir uns einigen Fetischen in der MICE-Welt ganz ohne Geschmäckle zuwenden.

Hans Jürgen Heinrich, Herausgeber von events
Hans Jürgen Heinrich, Herausgeber von events

Da wäre zunächst der allgemeine App-Solutismus, der uns von interessierten Kreisen als einzige wahre Event-Regelungsform verkauft wird. Im Gespräch mit einem führenden Anbieter für Teilnehmermanagement amüsierte sich der Geschäftsführer darüber, dass nach fast jedem Kundenbriefing mit heilsgewisser Miene die Abschluss-Forderung kommt: „Und dann brauchen wir natürlich auch eine App!“ Auf die Frage, warum man das denn glaube, werde meist hilflos herumgerudert. Mit der Folge, dass man nach einer professionellen Analyse plötzlich nicht mehr will, was man unbedingt zu brauchen glaubte.

Absolut en vogue sind auch seit einiger Zeit die sogenannten alternativen Tagungsformate, bei denen die Teilnehmer zu „echten, mündigen und vor allem zufriedenen Teilhabern dieser Veranstaltungen und in den meisten Fällen auch zu begeisterten und loyalen Freunden werden.“ (GCB). Aber das GCB schreibt auch:„Sicherlich werden neue Tagungsformate nicht jedem Tagungsziel gerecht, doch sollten sie in ihrer modernen Didaktik, ihrem Miteinander völlig verschiedener Ausgangspunkte und ihrer nur scheinbaren Unkalkulierbarkeit ein Beispiel geben, alte Formate zu überdenken und neuen eine Chance zu geben!“

So ist es. Tradiertes überdenken und Neuem eine Chance geben. Nicht mehr und nicht weniger, aber bitte nicht Effektivität und ein Lernziel durch Partizipation um jeden Preis gefährden. Haben wir nicht gerade erst den Hype um die Schwarm-Intelligenz unter dem Grabkreuz der „Schwarm-Dummheit“ beerdigt? Gerade auch beim World Café kommt es entscheidend auf die Qualität der Moderatoren an, auf zielführendes Agieren und intelligentes Zusammenfassen. Wenn das nicht gegeben ist, gefährdet der Fetisch das Ergebnis-Optimum.

Auch der Online-Hype mutiert schnell einmal zum teuren Irrtum: In der Werben & Verkaufen vom 01. 08. 2017 war Folgendes zu lesen: „Procter & Gamble hat im zweiten Quartal Online-Werbemaßnahmen in Höhe von 100 Millionen US-Dollar gestrichen. Ohne größere Auswirkungen auf die Geschäftszahlen, wie Finanzchef Jon Moeller nun im Wall Street Journal feststellt. Er zieht eine für die Digitalwerbung ziemlich bittere Bilanz: „Das beweist, dass diese Digital Marketing Spendings weitgehend wirkungslos sind.“ Ihm geht es vor allem darum, seine Werbegelder nicht an Bots zu verschwenden. Gecancelt wurde alles, wo die Gefahr besteht, dass Bots zum Einsatz kommen und die Werbung nicht an Kunden ausgespielt wird. Soweit die W & V.

Online-Werbung kann viel, aber längst nicht alles. Wer mehr verspricht, als er halten kann, gilt als Lump. Wer mehr erwartet, als vernünftig ist, als naiv. Vor allem das müssen wir gerade in der überschaubaren Community eines B2B-Magazins leider oft erleben. In diesen Unsicherheiten und vor allem vor dem Hintergrund eines harten Wettbewerbs gedeiht ein weiterer Fetisch: Face2Face-Meetings mit dem potentiellen Kunden. Da weiß man doch, was man hat. Zumindest so oft und so lange, bis der sich auch dem Würgegriff entzieht. Und der erfolglose „Verkäufer“ zum nächsten Anbieter tingelt, der neue Heilsversprechen in alten Köpfen sucht. Was also tun?

Ruhe bewahren! Kreativ sein – das ist im Übrigen besser als abgedroschen „innovativ“ sein. Angebote zielgruppengerecht und trennscharf positionieren, anständige Leistung bringen und dann einen klugen Marketingmix aufbauen. Ohne Fetischen hinterher zu laufen. Denn nicht alles, was neu ist und was alle tun, ist auch gut. Nicht alles was altbewährt scheint, taugt für die Zukunft. Das eigene Denken ist nicht substituierbar.

Gute Rezepte auf dem wackligen Grat zwischen Gestern und Morgen liefert George Bernhard Shaw (+1950): „Tradition ist eine Laterne, der Dumme hält sich an ihr fest, dem Klugen leuchtet sie den Weg!“ Zitat Nummer zwei: „Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie passten auch heute noch!“ Also: Herein, wenn’s solch ein Schneider ist!

 

 

 

 

Hans Jürgen Heinrich
Herausgeber

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