Produkt: events Magazine 01/2019 Digital
events Magazine 01/2019 Digital
events Magazine 01/2019 Digital
Coronavirus

Ermutigende Aktivitäten der Verbände im Super-Gau

VDVO_the_Day_After
The Day After Event des VDVO zur aktuellen Corona-Krise (Bild: Thomas Loris - VDVO)

Corona und kein Ende. Bernd Fritzges, Vorstandsvorsitzender des Verbandes der Veranstaltungsorganisatoren VDVO, hat etwas völlig Neues daran auf den Punkt gebracht: „Hier bekommen wir als Veranstaltungsbranche erstmals den großen Schlag als allererste ab und zwar bereits in einem Stadium, ehe die eigentliche Rezession beginnt. Sonst war es immer umgekehrt.“

Und so greifen dann auch die Veranstaltungsabsagen und Dienstreise-Verbote oder -Einschränkungen weiter um sich. Vor wenigen Tagen hat nun auch die DEBEKA Versicherungsgruppe ihren 16.000 Mitarbeitern alle Dienstreisen untersagt. Und sie hat sogar erstmals ihre Bilanzpressekonferenz online durchgeführt.

Zunehmend konkretere Zahlen kommen aus der gebeutelten Hotellerie und der Branchenverband FAMAB e.V. spricht bereits von über einer Milliarde Euro Gesamtschaden für die Branche. Und begründet das bereits jetzt sehr sauber mit Einzelfall-Rechnungen. Dabei nimmt die Krise gerade erst richtig Fahrt auf. Während die einen „nur“ zur Besonnenheit mahnen, sind die anderen hoch zielführend aktiv.

Zu den sehr engagiert handelnden Verbänden gehört neben dem DEHOGA und dem IHA-Hotelverband vor allem der FAMAB, der auf seiner Homepage ein komplexes Paket an Beratung, Handlungsempfehlungen und Mustertexten anbietet. Das Postulat ist klar: „Die aktuellen Herausforderungen der Unternehmen der Messebau- und Eventbranche liegen schwerpunktmäßig in Liquiditäts- und Kostenmanagement. Gemeinsam mit Ihren Partnern auf Seite der Banken und Finanzdienstleister sind realistische, umsetzbare Szenarien zu schaffen, welche die Unternehmen mit einer ausreichenden Liquidität für die nächsten Monate versorgen. Dabei sind unbedingt auch die „Anlaufkosten“ der Unternehmen am Beginn des Aufschwungs zu berücksichtigen.“

Tröstlich für alle betroffenen Akteure (und das ist aufgrund der hoch vernetzten Arbeitsweise im Veranstaltungsgeschäft eine sehr breite Phalanx!) dürfte der klar erkennbare Wille ihrer Interessensvertretungen sein, mit starker Stimme und Joint Forces von der Politik die notwendigen Unterstützungsleistungen einzufordern.

VDVO zeigt Flagge

Obwohl die Internationale Tourismus Börse in Berlin wegen des Coronavirus abgesagt wurde, konzipierte der Verband der Veranstaltungsorganisatoren eine Alternativ-Veranstaltung zur offiziellen ITB MICE NIGHT. Unter dem beziehungsreichen Titel „The Day After“ versammelten sich am Abend des 05. März Betroffene sowie Vertreter aus Institutionen und Verbänden im „The International Club“. In einem „geschützten Raum“ wurde in Form eines Dialog-Formates für einen gleichen Informationsstand, mehr Sachlichkeit und Klarheit gesorgt und es sollte konstruktiv an einer Ausarbeitung von Lösungen mitgewirkt werden. Die Anwesenheit von Matthias Schultze (Geschäftsführer German Convention Bureau), Markus Luthe (Hauptgeschäftsführer des Hotelverbandes IHA), Jörn Holtmeier (Geschäftsführer AUMA) sowie Bernd Fritzges (Vorstandsvorsitzender VDVO) war ein gutes Signal für die kleineren Unternehmen, dass die wichtigen Branchenvertreter die Ernsthaftigkeit der Lage erkannt haben.

Bernd Fritzges gab im Gespräch mit events eine erste persönliche Einschätzung der Lage: „Wir haben uns mit der Bekanntgabe von Horst Seehofer in Sachen ITB zunächst auf das Thema Kommunikation konzentriert. Die rechtlichen Grundlagen und wirtschaftlichen Implikationen stehen jetzt an. Und auch, wer auf welchen Kosten sitzen bleibt, wird nun langsam klar. Nach meiner Einschätzung trifft es uns mehrfach, einmal zu Beginn und dann weiter im Laufe des Geschehens. Das wird definitiv einen Abschwung geben, der stärker sein wird als die Folgen der Finanzkrise 2008/2009.“

Schadensmeldungen aus allen Bereichen

Markus Luthe vom Hotelverband berichtete von einer aktuellen Umfrage und sprach von 8.000 Antworten innerhalb von zwei Tagen, darunter Äußerungen großer Sorgen vieler Hoteliers, die teilweise sogar ihre Existenz gefährdet sehen.

Von einem Agenturvertreter war zu hören, dass er innerhalb einer Woche 80.000 Euro Honorarumsatz verloren hat. Kurzarbeit? „Das funktioniert in der Produktion, aber nicht in einer Agentur. Sobald wir das machen, verabschieden sich die Mitarbeiter. Das Problem der Dienstleistungsbranche wird in der Politik mal wieder komplett unterschätzt!“

Einig waren sich jedenfalls alle darin, dass man offensiv auf die Politik zugehen muss. Wer unverschuldet in die Krise geraten sei, dem müsse geholfen werden. Die Politik müsse nun ein Post-Corona-Konzept entwickeln. Das wird sie sicherlich tun. Allerdings muss man sich wohl auch damit abfinden, dass für solche Ereignisse nicht immer irgendjemand „haftbar“ gemacht werden kann und dass ein Großteil der Probleme auch im unternehmerischen Risikobereich verbleibt. Mit allen unangenehmen Folgen.

Die rechtliche Lage ist komplex

Mit Spannung erwartet waren daher die Ausführungen von RA Thomas Waetke zu den rechtlichen Implikationen von Absagen. Generell: Es handelt sich jedenfalls in der Regel nicht, wie häufig angenommen, um höhere Gewalt. Zumindest nicht, solange es kein behördlich eindeutiges Verbot gibt. Es gibt allerdings juristisch betrachtet den Aspekt der „Unmöglichkeit“ – der in § 275 Absatz 2 BGB geregelt ist. Dieser Faktor der Unmöglichkeit ist allerdings eine Form der höheren Gewalt und besagt, dass wenn das Verhältnis zwischen dem, was ich bekomme als Veranstalter nicht mehr passend ist zu dem, was ich aufwenden müsste, begründet sich eine Absage nach § 275. Dann liegt eine Art von „Unmöglichkeit“ vor wie wohl im Falle der ITB-Absage. Damit entsteht kein Schadensersatzanspruch. Es müssen allerdings bereits geleistete Zahlungen rückerstattet werden. Dann gibt es noch juristisch betrachtet als dritte Kategorie die „sonstigen Gründe“.

Wer nun nur aus Sorge absagt, der operiert im Bereich „Sonstige Gründe“ und geht ein extrem hohes Risiko ein! Denn zunächst ist der Veranstalter verpflichtet zur Durchführung und muss rückerstatten, was er bereits vereinnahmt hat. Bei fahrlässiger oder vorsätzlicher Absage ist er sogar schadenersatzpflichtig.

Juristisch gesehen ist das insgesamt wohl reichlich „Neuland“, so dass man davon ausgehen muss, dass etliche Vorgänge erst in vielen Jahren von den Gerichten endgültig aufgearbeitet sein werden. Daher auch der Appell an die Branche, sich soweit wie möglich zu einigen und voraussehbare Härten für die Partner in der Dienstleistungskette möglichst zu vermeiden.

In die Verträge schauen und: sich gütlich einigen!

Generell rät Waetke: „In die Verträge schauen!“ Auch Stornoklauseln müssen nämlich gewisse Voraussetzungen erfüllen, damit sie am Ende des Tages überhaupt wirksam sind. Es besteht immer ein hohes Risiko, dass Gerichte eine Fülle von sehr differenzierten Stornoklauseln für unwirksam erklären und von daher nur das „reine Rücktrittsrecht“ übrig bleibt. Wer Geld haben möchte, muss immer nachweisen. Oft mit gigantischem Aufwand. Und immer mit dem Risiko, dass das Wording einzelner Klauseln finalen Überprüfungen nicht statthält. RA Thomas Waetke abschließend: „Solche Stornoklauseln haben einen enormen Sprengstoff!“

Ein kleines Fazit: Die Branche muss zusammenhalten. Nach innen und außen. Die Politik muss und wird helfen. Dabei kann es aber immer nur um die Vermeidung des Schlimmsten gehen, um Liquiditätssicherung und Vermeidung von Insolvenzen. Um entgangene Umsätze und Gewinne kann es dabei nicht gehen. Und vor allem: Wie weit geht der Begriff „Branche“? Was sagen die Taxifahrer, die Restaurants, Mobilitätsdienstleister, kurz: alle von schwer zu beziffernden Umweg-Rentabilitäten Betroffenen?? Wo liegt die Grenze? Besonnenheit ist das Gebot der Stunde. Und leider auch: Abwarten. Aber Krisen sind immer auch Beschleuniger für ein neues Denken und Haltungsveränderungen, bergen damit langfristig gleichermaßen Chancen und Risiken.

Zu den Risiken gehört wohl, dass sich viele Akteure nun nach anderen Formen von Veranstaltungen umsehen müssen. Wie im Falle der eingangs erwähnten Online-Bilanzpresskonferenz von Debeka. Skypen, Video-Konferenzen, digitale Marktplätze oder one-to-one-Formate: Wenn einige Akteure sich daran gewöhnen, droht sogar langfristiges Ungemach für die Veranstaltungsbranche. Und damit ein erneuter „Bereinigungsprozess“ wie nach der Finanzkrise 2008/2009. Wenn er nicht schon aus anderen Gründen unvermeidbar ist.

Produkt: events Studentenabonnement Print
events Studentenabonnement Print
Studenten lesen günstiger. Lesen Sie das Fachmagazin events als Heft im Studenten Abo.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren