Produkt: events Magazine 01/2019
events Magazine 01/2019
events Magazine 01/2019
Subjektive Sicherheit:

Die Bedrohungslage auf Veranstaltungen in Zeiten erhöhter Terrorgefahr

Polizeiabsperrung(Bild: SZ-Designs - stock.adobe.com)Die Terrorgefahr in Deutschland wird von den Sicherheitsbehörden seit der Anschlagsserie vom 13. November 2015 in Paris als gleichbleibend hoch bewertet. Demnach kann jederzeit und überall ein Anschlag geschehen. Deutschlandweit variieren die Sicherheitsvorkehrungen für den öffentlichen Raum und für Veranstaltungen trotz der generalisierten Gefahrenprognose erheblich und reichen vom Verzicht jeglicher Vorkehrungen bis hin zur Herstellung festungsähnlicher Bollwerke. Doch selbst alle diese Maßnahmen können objektiv betrachtet Terroranschläge nicht verhindern. Möglicherweise verbessern sie jedoch die nicht unbedeutende „subjektive Sicherheit“ der Teilnehmer einer Veranstaltung.

Events im Fokus des Terrors: Im September 2018 wurde in den Niederlanden ein geplanter Anschlag auf eine von den Ermittlungsbehörden nicht näher bezeichnete Großveranstaltung* vereitelt. Einen Monat später hieß es von Seiten deutscher Sicherheitsbehörden, man habe schon 2016 einen Anschlag auf ein Musikfestival verhindert**. Auch der jüngste, terroristisch motivierte Amoklauf am 11. Dezember 2018 im Umfeld des Straßburger Weihnachtsmarktes belegt, dass Veranstaltungen offenbar immer stärker in den Fokus des Terrors geraten. Eine Überraschung ist das nicht, denn Events – insbesondere frei zugängliche im öffentlichen Raum – sind kaum zu schützen und dadurch sogenannte „weiche Ziele“, die Terroristen vorrangig angreifen. Außerdem herrscht auf Veranstaltungen in der Regel eine hohe Personendichte, wodurch sich die potenzielle Opferzahl aufgrund der nachfolgenden Massenphänomene deutlich erhöhen würde. Letztlich repräsentieren Veranstaltungen im besonderen Maße die Werte der westlichen Welt und stellen deshalb Reizziele für den islamistisch motivierten Terror dar.

Anzeige

Geringes Terrorrisiko auf deutschen Veranstaltungen

Gleichwohl ist im Quervergleich festzustellen, dass in Europa im Zeitraum Januar 2015 bis heute tatsächlich insgesamt nur acht Anschläge auf Veranstaltungen bzw. veranstaltungsähnliche Ereignisse stattfanden; davon war Deutschland in zwei Fällen*** betroffen. Laut einer Umfrage (Quelle: GCB) fanden in Deutschland 2017 insgesamt 2,97 Millionen Veranstaltungen (Tagungen, Kongresse und Events) mit 405 Millionen Teilnehmern statt. Realistisch betrachtet, käme man bei einer Risikoanalyse zu der Bewertung, dass die Eintrittswahrscheinlichkeit für einen Terrorakt verschwindend gering und damit ein als akzeptabel einzustufendes Risiko ist, weshalb seitens des Veranstalters keinerlei Schutzmaßnahmen ergriffen werden müssten.

Subjektive Sicherheit“ und ihre Auswirkungen

Polizisten sichern eine Veranstaltung(Bild: Rainer - stock.adobe.com)Dennoch sind Organisatoren gut beraten, sich des Themas Terror anzunehmen, da dieser auch auf die „subjektive Sicherheit“ der Teilnehmer wirkt und somit den (wirtschaftlichen) Erfolg einer Veranstaltung beeinflussen kann.

Der Begriff „Subjektive Sicherheit“ oder auch „Sicherheitsgefühl“ bezeichnet in erster Linie eine Einschätzung des Einzelnen bezüglich seiner eigenen Sicherheit bzw. der Möglichkeiten, dass individuelle Rechtsgüter beeinträchtigt werden könnten. Das Sicherheitsgefühl führt im nächsten Schritt zur bewussten oder unterbewussten Anpassung der persönlichen Einstellungen und zur Änderung des Verhaltens in bestimmten Lebenssituationen.

Einige dieser Auswirkungen sind allerdings positiv: Gelangt eine Person z. B. zu der Erkenntnis, dass Anschläge objektiv nicht beherrschbar sind und akzeptiert die herrschende Gefährdungslage als ein allgemeines Risiko, so wird die psychische Widerstandsfähigkeit zur Krisenbewältigung gestärkt, die sogenannte Resilienz. Ebenso hilfreich ist es, wenn man sensibilisiert und entsprechend achtsam seine Umwelt wahrnimmt, um bei verdächtigen Anzeichen ggf. frühzeitig die Polizei zu alarmieren.

Negative Auswirkungen äußern sich darin, dass tatbezogene Eintrittswahrscheinlichkeiten überbetont werden oder man sich regelmäßig mit Furcht oder einem Gefühl der Bedrohung in der Öffentlichkeit bewegt. Wenn sich bereits ein sogenanntes Vermeidungsverhalten zeigt, man also vermeintlich gefährlichen Orten und Veranstaltungen fernbleibt, dann ist nicht nur die persönliche Freiheit erheblich eingeschränkt, sondern das kann auch mit großen wirtschaftlichen Einbußen auf Veranstalterseite einhergehen.

Wenn Angst zu Panik führt

Image_Bombe(Bild: fergregory - stock.adobe.com)In letzter Zeit häuften sich Vorfälle, bei denen Menschen auf „ungewöhnliche Ereignisse“ (z. B. Versprühen von Pfefferspray, Zünden von Knallkörpern) überempfindlich reagierten (u. a. kopfloses Fluchtverhalten). In einigen wenigen Fällen führten diese „Anscheinsgefahren“ sogar zu einer Massenpanik, die wiederum erhebliche Folgen für Leben und Gesundheit der Flüchtenden bedeuten kann****.

In allen Fällen konnte – nicht zuletzt aufgrund der Aussagen von persönlich Betroffenen – ein unmittelbarer Zusammenhang der beobachteten Überreaktionen mit der Furcht vor Terroranschlägen hergestellt werden. Diese Angst wird zusätzlich durch die mediale Aufmerksamkeit, die große Reichweite von Massenmedien und die sich daran anschließenden Kommentare und Hypothesen von Nutzern in den sozialen Netzwerken verstärkt, mit denen selbst „unspektakuläre“ terroristisch motivierte Taten in den Vordergrund gehoben werden (z. B. Amoklauf mit Messer). Bei oberflächlicher Betrachtung entsteht so der Anschein, die Terrorgefahr sei allgegenwärtig und zunehmend. Entsprechend scheint sich eine Art Erwartungshaltung zu etablieren, die dazu führt, dass man beim ersten Anzeichen einer – vermeintlichen – Gefahr den erwarteten/befürchteten Terrorangriff als wahrscheinlichste Ursache für ein Ereignis annimmt und entsprechend reagiert. Unzweifelhaft ist die Eintrittswahrscheinlichkeit solcher Ereignisse (z. B. aufgrund eines „Dumme-Jungen-Streiches“) um ein Vielfaches höher, als die eines Terroranschlags auf einer Veranstaltung. Trotzdem dürften sich die Folgen oder auch das Schadensausmaß beider Szenarien in weiten Teilen ähneln.

Schadensbegrenzende Maßnahmen und schnelle Hilfe

Sicherheitspersonal mit Funkgerät(Bild: Leonid - stock.adobe.com)Welche sinnhaften und idealerweise wirksamen Maßnahmen kann ein Veranstalter nun treffen, um besagte Risiken zu minimieren? Zugegebenermaßen, wenn es zu einer Massenpanik oder einem ähnlich gefährlichen Ereignis kommt, ist das zunächst nicht aufzuhalten. In einer solchen Krisensituation kommen daher grundsätzlich nur Maßnahmen zum Tragen, die den Schaden minimieren. Dazu zählen z. B. die Bereitstellung ausreichender, leistungsfähiger und gut erkennbarer Fluchtmöglichkeiten sowie ein gut eingewiesenes Ordnungspersonal, das auf die flüchtenden Menschen beruhigend einwirkt. Veranstalter sollten natürlich anschließend eine schnelle Hilfeleistung und Versorgung von Verletzten gewährleisten. Ohne die Sicherstellung einer ausfallsicheren und flächendeckenden Funkkommunikation wird zudem ein koordiniertes Vorgehen und Zusammenwirken nicht möglich sein. Ebenso bedeutungsvoll stellt sich die Kommunikation mit den Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) dar. Im Idealfall steht ein Koordinierungsgremium oder ein Krisenstab bereit.

Prävention und Sicherheitsmaßnahmen für den Krisenfall

LKW-Sperre_Veranstaltungssicherheit(Bild: VRD - stock.adobe.com)Wenngleich sich eine Massenpanik oder ähnliche Situationen nicht gänzlich ausschließen lassen, so besteht doch im Vorfeld die Möglichkeit, durch Vermeidung Panik fördernder Bedingungen die Eintrittswahrscheinlichkeit von Massenhysterie und Panik zu beeinflussen.

 


Als Panikförderer gelten z. B.:

  • enge Räumlichkeiten
  • bauliche Unzulänglichkeiten
  • Desorientierung der Besucher
  • physische Beklemmungen durch hohe Personendichte

Außerdem lassen sich durch personale oder technische Besucherbeobachtung ungewöhnliche Situationen oder verdächtige/untypische Verhaltensweisen in einem frühen Stadium erkennen, woraus sich Interventionsmöglichkeiten zur Verhinderung ergeben.


Sicherheitsrelevante (Vor-)Prüfungen/Maßnahmen/Absprachen:

  • Begehung des Veranstaltungsareals vor Beginn der Veranstaltung
  • Einsatz erfahrener Ordnungskräfte
  • Durchführung von – selektiven – (Einlass-)Kontrollen
  • Bereithalten eigener „Interventionskräfte“
  • Unterstützen der polizeilichen Interventionsmaßnahmen

Im Hinblick auf die Stärkung des Sicherheitsgefühls der Veranstaltungsbesucher ist der Schwerpunkt der Maßnahmen auf die Vorphase zu legen. Das Interesse eines Veranstalters dürfte nachvollziehbar darauf abzielen, die maximal zulässige Besucherzahl zu erreichen. Insofern kommt einer umfänglichen Öffentlichkeitsarbeit unter Einbindung aller verfügbaren Medien eine besondere Bedeutung zu. Frei nach dem Motto „Tue Gutes und rede darüber“ sollten die beabsichtigten Sicherheitsmaßnahmen dargestellt werden. Sofern Einschränkungen, z. B. wegen Einlasskontrollen oder Mitführverboten damit einhergehen, fördert eine vorherige Kommunikation/Information die Akzeptanz dieser Maßnahmen.

Zu viele Maßnahmen können das Sicherheitsgefühl beeinträchtigen

Erhöhte (oder übertriebene) Sicherheitsmaßnahmen ziehen nicht selten Auswirkungen nach sich, die im Rahmen einer Risikoanalyse sorgsam abzuwägen sind. So führen „verschärfte“ Einlasskontrollen regelmäßig zur Verringerung des Personendurchflusses, es kommt zu Rückstau-Situationen und möglicherweise zu kritischen Personendichten. Abgesehen davon können sich die dann entstehenden Menschenansammlungen für einen potenziellen Täter als einfach anzugreifendes, weiches Ziel darstellen. Sind zu den neuen entstehenden Risiken keine ausgleichenden Maßnahmen möglich (z. B. Schaffung von Entlastungsflächen und Wartezonen), dann ist zu überlegen, ob man nicht besser auf flächendeckende Kontrollen verzichtet, zumal sie die objektive Sicherheit nicht nachhaltig steigern.

Fazit: Trotz umfangreichster Schutzmaßnahmen wird es keine hundertprozentige Sicherheit auf Veranstaltungen geben. Das gilt besonders für Amokfahrten. Trotzdem erfüllen Sicherheitsmaßnahmen eine durchaus wichtige Wirkung bei der Beeinflussung des Sicherheitsgefühls der Besucher, wodurch Resilienz und Reaktionsverhalten beim Auftreten ungewöhnlicher Ereignisse gefördert werden können. Allerdings nur, wenn die Besucher diese Maßnahmen als angemessen wahrnehmen. Event-Planer sollten sich also für ausgewogene und aufeinander abgestimmte Sicherheitsmaßnahmen entscheiden – zu viele Maßnahmen können sich hingegen nachteilig auf das Sicherheitsgefühl der Veranstaltungsteilnehmer auswirken. Gleiches gilt für den Fall, wenn nicht genau das Konzept realisiert wird, das den Besuchern im Vorfeld angekündigt wurde. Empfehlenswert ist zudem eine durchgängige Auswertung der sozialen Medien – vor, während und nach der Veranstaltung, einschließlich einer proaktiven und schnellen Informierung der Zielgruppe.

Über den Autor:

Frank Hilbricht_PortraitFrank Hilbricht ist Polizeivollzugsbeamter in Nordrhein-Westfalen und Dozent an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung NRW in Köln. Er besitzt umfangreiche Erfahrungen bei der Planung, Durchführung, Leitung und Nachbereitung von polizeilichen Einsätzen bei Großveranstaltungen, Versammlungen und Konfliktlagen. Im Rahmen seiner Tätigkeit war er als Verantwortlicher für die Polizei in die Entwicklung und Genehmigung der notwendigen Sicherheitskonzepte eingebunden. Als freiberuflicher Experte berät Hilbricht Veranstalter zu allen Aspekten der Veranstaltungssicherheit, einschließlich der Erstellung von Sicherheitskonzepten. Zudem referiert er regelmäßig als Dozent auf Seminaren und Fachtagungen.

 


*Die Verdächtigen wollten den Ermittlern zufolge Maschinengewehre und Bombenwesten einsetzen, damit es „bei einer Großveranstaltung möglichst viele Opfer“ gibt. Außerdem sollte eine Autobombe zum Explodieren gebracht werden.
**Dazu hätten 2016 drei Teams von Attentätern nach Deutschland reisen sollen, um die Tat vorzubereiten und durchzuführen. Ziel sei möglicherweise ein Musikfestival gewesen.
***24.07.16: Sprengstoffanschlag auf Musikfestival in Ansbach; 19.12.16: Lkw-Amokfahrt auf Weihnachtsmarkt in Berlin.
****Besonders dramatisch stellte sich am 04.06.2017 eine Massenpanik in Turin dar. Aus Angst vor einem Terroranschlag beim Public Viewing während des Champions-League-Finals kam es nach einem ungewöhnlichen Ereignis zu einer Massenpanik mit 1527 verletzten Personen und einer toten Frau (Herzinfarkt).

Produkt: Kostenloser Download: Arbeitsschutz in Versammlungs- und Veranstaltungsstätten
Kostenloser Download: Arbeitsschutz in Versammlungs- und Veranstaltungsstätten
Ein Sicherheitskonzept muss Teilnehmer und Personal gleichermaßen schützen. Erfahren Sie, warum Eventsicherheit daher immer auch Arbeitssicherheit beinhaltet.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren