Quellmarkt China:

Deutschland zeigt Flagge beim Wettlauf um chinesische Gäste

Happy Woman With German Flag By Brandenburg Gate
(Bild: Maridav - Fotolia)

Im vergangenen Jahr reisten 97 Millionen von 1,3 Milliarden Chinesen ins Ausland und gaben dort 75 Milliarden Euro aus. Das ist mehr als jede andere Reisenation! Eine Schweizer Großbank schätzt, dass die Zahl der fernreisenden und ausgabefreudigen Chinesen sich bis 2020 auf mindestens 200 Millionen verdoppeln wird. Ein gewaltiges Potenzial.

Die Regierung in Peking fördert Auslandsreisen inzwischen ganz bewusst, denn die Bevölkerung soll weltoffener werden und Signale setzen für die Exportwirtschaft, da immer mehr chinesische Firmen auf den Weltmarkt drängen. Die Regierung Chinas hat das Ziel, bis zum 100. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik im Jahr 2049 zur weltweit führenden Industrienation aufzusteigen. Die Regierung lenkt die Investitionen in starke Industriezweige im Ausland – auch um Know-how abzuschöpfen: Deutschland ist daher erstrangiges Ziel einer wachsenden Zahl von Aufkäufern aus Fernost. In keinem anderen Land Europas haben die Chinesen zuletzt so viele Firmen aufgekauft oder sich an diesen beteiligt wie in Deutschland! Der Wert der bekannt gewordenen Übernahmen und Beteiligungen chinesischer Investoren in Deutschland summiert sich laut einem aktuellen Bericht in der WELT 2017 auf 12,1 Milliarden Euro. Vor sieben Jahren waren es noch nur knapp 100 Millionen!

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Der touristische Anbietermarkt stellt sich auf die „Renminbi-Invasion“ ein. (Renminbi ist die chinesische Währung). So baut eine australische Küstenstadt für 380 Millionen Euro einen China-Freizeitpark inklusive Nachbau der Verbotenen Stadt. Kasachstan eröffnet Skigebiete nur für Chinesen, Griechenland plant Direktflüge zwischen Peking und Athen. Für Frankreich, Italien und Spanien sind chinesische Besucher eine milliardenschwere Konjunkturstütze. Nach Berechnungen der WTO tragen chinesische Touristen mit 25% zum weltweiten Umsatz von Luxuskonzernen wie LVMH bei. In Deutschland geben Chinesen im Schnitt 610 Euro für Einkäufe aus – mehr als Russen und Araber und doppelt so viel wie andere Nicht-EU-Touristen. 513 Euro geben die Gäste aus dem Reich der Mitte pro Tag in der Isarmetropole aus, arabische Shopping-Touristen mittlerweile nur noch 367 Euro! Das bildet einen guten Nährboden für Spezialanbieter – renommierte noch dazu: Daimler gab die Gründung von „Mercedes-Benz Travel“ bekannt und wird Fünf-Sterne-Reisen nach Europa anbieten – ausschließlich auf dem chinesischen Markt.

Blumen betrachten von einem galoppierenden Pferd

Chinesen reisen anders, haben ein hohes Sicherheitsbedürfnis. Negative Vorfälle in Frankreich, insbesondere in Paris, haben sogar zu leichten „diplomatischen Verstimmungen“ geführt und den Tourismus unter dem Eiffelturm kurzzeitig erkennbar beschädigt. Chinesen reisen im Zeitraffer und arbeiten Europa meist in einem Zeitfenster von 10 bis 11 Tagen ab. „Von einem galoppierenden Pferd aus Blumen betrachten“, nennt man in China diese Art des Reisens. Dabei ist der Widerspruch zwischen Fast Food und Luxus-Shopping immer noch offensichtlich. Aber: Die neuen Reiseweltmeister lernen dazu und immer mehr von ihnen wollen das künftig entspannter angehen.

Professor Dr. Wolfgang Georg Arlt, Direktor des China Outbound Tourism Research Institute, beschreibt das gängige Bild Deutschlands in den Köpfen nicht reiseerfahrener Chinesen in der Süddeutschen Zeitung so:

“Viele Chinesen halten uns für eine Autofabrik mit angeschlossenem Fachwerkhaus. Einmal hier, sind die meisten überrascht, wie viel Natur und Geschichte wir zu bieten haben.”

Wie hat Mark Twain gesagt? „Reisen ist tödlich für Vorurteile!“ Die Deutschen müssten sich allerdings besser verkaufen. So könne der Nürnberger Christkindlesmarkt zum Beispiel zweistündige Kurse zum Grillen von Rostbratwürsten auf Chinesisch anbieten, auf DVD gebrannt, dazu eine Bratwurstmeister-Urkunde. Andere Länder seien in Sachen Marketing deutlich weiter. Chinesische Fernsehsender und Reissuppe am Morgen gehören in vielen französischen Hotels längst zum Standard. In Großbritannien schnüren Veranstalter maßgeschneiderte Ferienpakete mit Englisch-Unterricht für die Kleinen und Tennisstunden für die Erwachsenen. Kanada und die Schweiz bilden chinesische Skilehrer aus und laden chinesische Blogger ein, um ihre Reiseziele bekannter zu machen. Deutschland hinkt noch hinterher.

Wuppertal und Trier mit guten Assets

Obwohl auch kleinere Städte wie Wuppertal (Friedrich Engels!) und Trier (Karl Marx!) vor dem Hintergrund geschichtlicher Besonderheiten von Hause aus hohe Anziehungskraft für Chinesen haben und auch einzelne Großstädte (siehe Interview mit Matthias Schultze vom GCB) schon sehr gut im Geschäft sind.

Wuppertal hat beispielsweise bei der Wirtschaftsförderung ein eigenes China-Competence-Center eingerichtet und ist damit sehr erfolgreich. So hat u. a. in der bergischen Metropole 2017 erstmals ein deutsch-chinesischer Automobilkongress stattgefunden, bei dem sich etwa 350 Automobilzulieferer aus beiden Ländern intensiv über Zukunftsfragen austauschten. 100 Unternehmen wurden im Rahmen eines Matchmakings ganz gezielt an einen Tisch gebracht.

Bevorzugte Reisemonate

Aufgrund der staatlichen Feiertagsregelungen sind vergleichsweise lange Reisen möglich. Mit einer durchschnittlichen Dauer einer Europareise von ein bis zwei Wochen, sind chinesische Reisende oftmals länger im Ausland unterwegs als beispielsweise Reisende aus den USA. Die Feiertagsregelungen führen auch dazu, dass sich insbesondere die sogenannten „Golden Weeks“ Ende Januar / Anfang Februar, sowie der Monat Oktober (Nationalfeiertag) als Reisezeiten eignen. [4144]

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