events Magazin 04/2017

Der gemeine Erbsenzähler und die Komplexität – Editorial von Hans Jürgen Heinrich

Hans Jürgen Heinrich, Herausgeber von events
Hans Jürgen Heinrich, Herausgeber von events

“Beim letzten Jahreskongress von Erbsenzählern und Haarspaltern in Kleinkleckersheim (das liegt zwischen Brüssel und Berlin!) wurde festgelegt, dass Erbsen gekocht oder direkt aus der Schote gezählt werden können. Die Königsdisziplin im Erbsenzählen ist das Zählen von Erbsen in heißer Erbsensuppe, wobei hier erschwerend hinzukommt, dass sich teilweise die Erbsen aus der Hülle gelöst haben. Beim Zählen ist immer darauf zu achten, die Hülle der passenden Erbse zuzuordnen und nicht doppelt zu zählen. Ein zusätzliches Hindernis ist die Temperatur der Suppe, sie muss mindestens 95,87 Grad Celsius betragen, sonst ist die Zählung ungültig.” So steht es auf Stupipedia. Und weiter:”Sollte man einem Erbsenzähler persönlich begegnen, empfiehlt es sich, schnellst möglichst das Weite zu suchen und sich auf keine Diskussion einzulassen.”

Auch wenn es nicht populär ist: Mir gefällt, dass Christian Lindner diese trübe karibische Erbsensuppe nach wochenlangem Sortieren und Zählen absolut nicht mehr genießbar fand. Dafür muss man nicht einmal zwingend FDP-Fan sein. So mancher Allesverdauer darf das allerdings gerne anders sehen.

Erbsenzähler sind überall und meist sind sie sehr seriös maskiert. Denken Sie daran, wie uns diese Spezies mit Compliance-Haarspaltereien bereits das Instrument Famtrip gründlich ausgezählt hat. Oder die schöne alte Sitte, gute Kunden und auch Lieferanten mit netten Aufmerksamkeiten an Weihnachten zu bedenken. Was man im Compliance-Wirrwar dann doch noch darf, beschreibt Professor Dr. Rück in der aktuellen Ausgabe. Noch besser: Wir bieten gemeinsam mit Certi­ed ein attraktives Seminar dazu an.

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Auch auf Messen kann man sie treffen: dort zählen sie Besucher oder sinnieren über die Größe von Ständen, statt das Ergebnis zu bewerten. Manchmal zählen sie auch Co2-Emissionen bis auf die letzte Tonne – und haben sich am Ende doch verzählt. Weil die Klimarechner offenbar nicht von den Besten aller Erbsenzähler konzipiert wurden – wie unser Beitrag zeigt.

In der Kommunikation tummeln sie sich am liebsten. Da drehen sie das letzte Wort so lange hin und her, bis es perfekt verschlimmbessert ist und von guter Kommunikationsleistung fast nichts übrig bleibt. Die allgegenwärtige Angst vor Fehlern sorgt für ein unangreifbares und bis zur völligen Plattheit verkommenes 08/15. Da braucht es dann auch keine Seminare mehr über Fehlerkultur. Die Kirche im Dorf lassen, Fünfe mal gerade sein lassen, sich auf das Wesentliche konzentrieren – viele wissen überhaupt nicht mehr, wie das geht.

Dabei stöhnen alle über höheren Zeitdruck, Komplexität und Arbeitsüberlastung. Trotz oder wegen der vermeintlichen Errungenschaften des digitalen Zeitalters. Der richtige Umgang mit der Komplexität müsste eigentlich das Ende der Erbsen-Zählerei einläuten. Natürlich ohne dabei die notwendige Genauigkeit fahrlässig zu vernachlässigen. Aber eben nur dort, wo sie auch zwingend notwendig ist. In einer Welt, in der ein wachsender Einfluss von Juristen aber auch noch die letzte Nische nach möglichen Fehlerquellen und -Ursachen bereits weit im Vorfeld ausleuchtet, haben die charmanten Tugenden Inspiration, Improvisation und das lockere „Schwamm drüber!“ im Sinne von „Nichts ist so über überflüssig wie der kleine Ärger über den Fehler von gestern“ leider ausgedient.

Wenn wir die Herrschaft über unsere Zeitqualität zurück gewinnen wollen, wenn wir besser bleiben oder werden wollen in den Dingen, auf die es wirklich ankommt, dann müssen wir wieder prioritätensicher werden. Das bedeutet aber auch, dass wir uns von Haarspaltereien im Alltag konsequent verabschieden. Und Unwichtiges nicht aufbauschen und es damit wichtiger machen, als es ist. Manchmal wollen wir uns ja auch nur selbst damit wichtiger machen als wir sind. [3211]

Eine gute Zeit beim lässigen Herunterzählen der letzten Tage des Jahres 2017 wünscht Ihnen

Unterschrift Hans Jürgen Heinrich

 

 

 

 

Hans Jürgen Heinrich
Herausgeber

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