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Mindestabstände nicht wirtschaftlich

BDKV fordert Überbrückungs-Programm für Eventbetrieb

Konzert_Bühne(Bild: Dawn Lio - Pexels)Die deutschen Konzert-, Tournee- und Event-Veranstalter sehen trotz der Lockerungen noch kein Licht am Ende des Tunnels. Mit dem geforderten Mindestabstand von 1,5 m zwischen den Besuchern lasse sich keine Veranstaltung wirtschaftlich durchführen, erklärt Prof. Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV). Der Verband habe daher ein Überbrückungsprogramm erarbeitet, das mit staatlichen Zuschüssen eine Wiederaufnahme des Eventbetriebs ermöglichen soll. Die Strukturen und Existenzen der Veranstaltungswirtschaft stünden auf dem Spiel und bisherige Hilfen und Regelungen seien nicht ausreichend.

Die Kulturministern der Länder und die Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien haben am 20. Mai 2020 „Eckpunkte für Öffnungsstrategien weiterer kultureller Einrichtungen“ veröffentlicht. Darin werde nach Ansicht des BDKV zwar festgestellt, dass die Lage für die Kulturschaffenden und die einzigartige Vielfalt der Kultur in Deutschland bedrohlich sei. Auch werde eingeräumt, dass Theater, Opernhäuser, Konzertveranstalter, Festivals, Kleinkunstbühnen und Kinos mit ihrem breiten Veranstaltungsangebot eine verlässliche Perspektive benötigen. Jedoch weise das Papier darauf hin, dass das Kunst- und Kulturleben schrittweise, „unter strikter Einhaltung des Gesundheitsschutzes“, wieder ermöglicht werden solle.

Mindestabstände funktionieren nur mit Zuschüssen

„Es ist für unseren Wirtschaftszweig eine Selbstverständlichkeit, dass auch bei Veranstaltungen der Infektionsschutz an allererster Stelle stehen muss“, so Michow. „Wenn dies aber nur durch Gewährleistung eines Mindestabstands möglich sein sollte, wäre dies für die Branche gleichbedeutend mit einer Fortdauer des aktuellen Veranstaltungsverbots. Die Politik wird dann entscheiden müssen, ob es ihr wichtig ist, dass die aktuellen Strukturen des Kulturbetriebs erhalten bleiben oder ob in Kauf genommen wird, dass zahlreiche Unternehmen der Veranstaltungswirtschaft und damit der wesentliche Motor auch für zigtausende Künstler*innen, der Krise geopfert werden. Sollte Ersteres der Fall sein, wird dies ohne Zuschüsse des Staates nicht gehen“, teilt der Verbandspräsident mit.

Private Unternehmer seien auf die Wirtschaftlichkeit ihrer Arbeit angewiesen. Diese sei auf Grundlage des Eckpunktepapiers in keiner Weise darstellbar. Die Kapazitäten der Spielstätten würden durch die Festlegungen von 100% auf 20% reduziert. Zusätzliche Hygienemaßnahmen sowie die in dem Eckpunktepapier geforderte Einrichtung von „Ticketing-Systemen, die flexibel einen automatischen Mindestabstand an den Ticketkassen ermöglichen“, würden laut Verband zu einer Steigerung der Sach- und Personalkosten i.H. v. 20% führen. Damit entstünde den Veranstaltern unter Berücksichtigung einer Einnahme von 20% sowie eines Rohertrags von 10% ein Verlust in Höhe von 90% der möglichen Gesamteinnahme. Da dies nicht zumutbar sei, bedeute ein Festhalten der Behörden an jenen Veranstaltungsbedingungen für einen unabsehbaren Zeitraum den weiteren Stillstand des Veranstaltungsgeschäfts, folgert Michow. Von der vielzitierten Rückkehr zur Normalität könne damit für die Branche keine Rede sein.

Überbrückungsprogramm für Veranstalter rettet auch Künstler

Der BDKV fordert daher für die Zeit ab September 2020 ein Überbrückungsprogramm i.H.v. 3,75 Mrd. Euro für die Veranstaltungswirtschaft: „Ein Neustart des Veranstaltungsbetriebs unter COVID-19-Restriktionen ist nur möglich, wenn ein substanzieller Teil des Wertverlustes von der öffentlichen Hand auf der Grundlage eines Überbrückungsprogramms finanziert wird,“ sagt Michow. Damit könnten Veranstaltungsunternehmen sowie die auf ihre Arbeit angewiesenen ausübenden Künstler einschließlich aller vom Veranstaltungsbetrieb abhängigen Dienstleistungsbetriebe, unter zwangsläufig unwirtschaftlichen Bedingungen annähernd wirtschaftlich arbeiten. Daraus resultierende Einsparungen bei den Kosten für Kurzarbeitergeld, Überbrückungshilfen, Hartz IV und der Grundsicherung würden Teile der Kosten des Überbrückungsprogramms kompensieren.

Der Verband weist darauf hin, dass das Programm keinesfalls das von dem bereits im April von den diversen Sektoren der Musikwirtschaft und damit auch der Veranstaltungswirtschaft geforderte Hilfsprogramm i.H.v. 582.27 Mio. Euro ergänzen oder gar ablösen solle. „Das Hilfsprogramm soll dazu dienen, die der Musikwirtschaft in den Monaten März bis August entstandenen und noch entstehenden Schäden zu kompensieren. Das hier erwartete Programm für die Veranstaltungsbranche soll die Voraussetzung dafür schaffen, dass unter Einhaltung geforderter Abstandsregeln wieder Konzerte und andere Events wirtschaftlich tragfähig durchgeführt können.“

Neben diesem Programm benötigten die Unternehmen der Veranstaltungswirtschaft weitere Unterstützung für den Neustart in Form von Personal- und Fixkostenzuschüssen sowie Investitionszuschüssen für die im Zusammenhang mit den Hygienemaßnahmen notwendigen technischen Umrüstungen von Spielstätten. Auf der steuerrechtlichen Seite müsse die Möglichkeit von Verlustrückträgen aus den Jahren 2020 und 2021 bis zurück ins Jahr 2016 geschaffen werden.

Rettungsprogramm NEUSTART KULTUR bleibt erheblich hinter dem Bedarf zurück

„Wir begrüßen, dass die Bundesregierung soeben beschlossen hat, mit einem umfangreichen Rettungs- und Zukunftsprogramm den Neustart des kulturellen Lebens in Deutschland zu unterstützen“, so Michow. Für den Live-Bereich und vor allem auch für die Künstler sei dies aber trotz aller Anerkennung nicht befriedigend. Soweit für Livemusikstätten, -festivals, -veranstalter und -vermittler insgesamt lediglich 150 Mio. Euro zur Verfügung gestellt werde, könne nicht gewährleistet werden, dass die Veranstaltungsunternehmen dieses Jahr wirtschaftlich überlebten. Von ihrer Fortexistenz und dem Fortbestand der Vielfalt der Konzert- und sonstigen Veranstalter seien aber sowohl die ausübenden Künstler, deren Künstlervermittler und Manager als auch die Veranstaltungsdienstleister wirtschaftlich abhängig, kommentiert Michow die am 03. Juni gefassten Beschlüsse des Koalitionsausschusses. Es müsse doch verständlich sein, dass Künstler und Dienstleister überhaupt erst wieder eine wirtschaftliche Grundlage hätten, wenn das Geschäft wieder funktioniere. Auch die beschlossenen Überbrückungshilfen könnten Veranstaltungsunternehmen kaum weiterzuhelfen. Da die Grundlage des Erstattungsanspruchs lediglich die fixen Betriebskosten seien, blieben die nutzlos aufgewandten (Vor-)Produktionskosten unberücksichtigt. Auch die Dauer der Überbrückungshilfe – lediglich bis Ende August 2020 – sei viel zu kurz bemessen, um der besonderen Lage der Veranstaltungswirtschaft in Ihrer gesamten Struktur ein Überleben zu ermöglichen.

Strukturen und Existenzen der Veranstaltungswirtschaft in Gefahr

Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Live-Veranstaltungswirtschaft belaufe sich nach Angaben des BDKV auf mehr als elf Mrd. Euro. Direkt vom Lockdown des Wirtschaftszweigs betroffen seien in Veranstaltungsunternehmen rund 113.000 Erwerbstätige einschließlich rund 53.000 Künstler. Hinzu kämen die Erwerbstätigen in Dienstleistungs- und Zulieferbetrieben. „Ihre Existenz steht auf dem Spiel, wenn ihnen jetzt nicht endlich schnell geholfen wird. Die beachtlichen Hilfsangebote des Bundes und der Länder sind dafür leider nur in Ausnahmefällen geeignet,“ fasst der BDKV-Präsident zusammen.

Transparenz und erleichterte Rahmenbedingungen erforderlich

Weiterhin sei es nach Ansicht des Verbands zwingend notwendig, dass in den behördlichen Anordnungen die unterschiedlichen Risiken von Veranstaltungen mit ausschließlich Sitzplätzen (geringeres Infektionsrisiko) einerseits zu Stehplatzveranstaltungen (höheres Infektionsrisiko) andererseits auch differenziert geregelt würden.

Untragbar für den Neustart der Veranstaltungswirtschaft seien zudem die Unterschiede sowie die daraus resultierende Unübersichtlichkeit der öffentlich-rechtlichen Regelungen, die im Zusammenhang mit der COVID-19 Pandemie von den 16 Bundesländern erlassen wurden. Ein solcher Flickenteppich mache jede mittel- und langfristige Tourneeplanung unmöglich. Tourneen von Künstlern würden im Durchschnitt drei bis zwölf Monate im Voraus geplant. Die Abfolge der Konzerte in verschiedenen Landkreisen und Bundesländern werde nach vielen Kriterien aufeinander abgestimmt. Es sei daher unmöglich, eine Tournee auf der Grundlage von Veranstaltungsort zu Veranstaltungsort variierenden Arbeitsbedingungen durchzuführen, so der BDKV. Weitere Erleichterungen seien im Immissions-, Arbeits-, Datenschutz-, Bau- und Verkehrsrecht erforderlich.


Hier geht’s zum
“Überbrückungsprogramm Veranstaltungswirtschaft”


Über den BDKV:

Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft wurde zum 01. Januar 2019 durch Fusion der beiden Verbände bdv Bundesverband der Veranstaltungswirtschaft e.V. und Verband der Deutschen Konzertdirektionen e.V. (VDKD) gegründet. Im Berufsverband der deutschen Live-Entertainment-Branche sind über 500 Agenturen, Tournee- und Konzertveranstalter zusammengeschlossen. Die Veranstaltungsbranche erwirtschaftet jährlich mit 113,5 Mio. verkauften Tickets einen Gesamtumsatz von rund fünf Mrd. Euro.

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