Auch die Zukunft der Live-Kommunikation ist digital

Virtual Reality in der Eventbranche – Auf neuen Wegen unterwegs in andere Welten

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Es ist das digitale Thema: Immer wieder liest man von Virtual Reality (VR). Dabei handelt es sich genau genommen häufig um 360°- Filme. Was ist eigentlich Virtual Reality? Welche Unterschiede gibt es? Und wie relevant ist es für Events? Schon mal vorab: höchst relevant.

360°-Filme sind Videos, die mit mehreren Kameras gedreht werden, die in alle Richtungen zeigen. Die einzelnen Aufnahmen werden zu einer Art kugelrunder Sphäre zusammengefügt. Ich als Zuschauer setze eine VR-Brille auf und befinde mich nun im Zentrum dieser Sphäre, in einem Film, der komplett um mich herum zu sehen ist. Ich schaue nach unten und sehe den Boden, nach oben und sehe den Himmel, nach links und rechts, ja sogar hinter mir sehe ich den Film. Plötzlich habe ich das Gefühl, an einem anderen Ort zu sein und vergesse für einen Moment, wo ich mich tatsächlich befinde. Dieses Gefühl nennt man Immersion. Ein tolles Gefühl. Ein neues Gefühl.

Ansonsten ist ein 360°-Film passiv: Ich kann leider nicht losgehen und in dieser Welt herumspazieren oder mit ihr interagieren. Das geht nur in der Virtual Reality. Hier lässt sich das immersive Gefühl deutlich steigern. Ich kann – je nach System – herumlaufen, Gegenstände aufheben und benutzen, sogar mit anderen sprechen.

Oder anders ausgedrückt: Ich bin eigentlich zuhause im Wohnzimmer, die VR-Brille lässt mich aber auf einem versunkenen Schiff umhergehen, mit Pfeil und Bogen schießen oder einem Roboterhund ein Stöckchen zuwerfen.

Einmal traf ich das virtuelle Alter Ego eines Mannes, der mit seiner VR-Brille aus dem Kongo zugeschaltet war, und wir plauderten ein wenig (leider nicht sehr tiefgründig, da mein französisch zu schlecht war).

 


Vergleich 360°-Video und Virtual Reality:

360°-Video = passiv

Rundum-Video ohne Interaktionsmöglichkeit außer Blickwinkel durch Kopfbewegung steuern. Verbreitungsmöglichkeiten: YouTube, Facebook, Website, App, Event, VR-Kino (mit Brillen oder Dome), Messestand, Store, VR-Content-Plattformen.

Virtual Reality = interaktiv

In sich geschlossene virtuelle Welt, in der man interagieren kann. Hohe Immersion. Verbreitungsmöglichkeiten: Website, App, Event, Messestand, Store, VR-Content-Plattformen.


 

Noch echter wird das Erlebnis, wenn die Haptik dazukommt. Ein 360°-Film oder ein VR-Erlebnis können durch reale Elemente unterstützt werden. Ein schönes Beispiel hierfür durfte ich bei der VR-Roadshow der Marriott Hotels erleben:

Ich stand in einer telefonzellengroßen Box und sollte mich festhalten. Die VR-Brille brachte mich an einen sonnigen Strand. Plötzlich wurde es tatsächlich wärmer im Raum, eine leichte Brise wehte mir ins Gesicht. Und als eine größere Welle auf den Felsen vor mir traf, wurde mir reales Wasser ins Gesicht gespritzt. Das war cool.

Plötzlich wechselte die Umgebung und ich fand mich an der Kante eines Hochhausdachs wieder. Plötzlich neigte sich die Bodenplatte, auf der ich stand, nur ein wenig nach vorne. Das war nicht cool. Plötzlich verstand ich, warum ich mich am Anfang festhalten sollte und krallte mich fest. Es reichen also schon minimale Zusätze, um das virtuelle Erlebnis realer wirken zu lassen.

Virtual-Reality-Event

Machen die Leute das überhaupt schon?

Die Frage ist allerdings, wie viele Menschen so etwas schon nutzen bzw. nutzen können. Es geht ja darum, dass die eigene Botschaft möglichst viele Menschen erreicht. Und damit sind wir auch schon wieder in der Realität angelangt. Denn Virtual Reality steht noch am Anfang.

Und der Markt wächst. Institute überschlagen sich mit positiven Prognosen. Eine der noch vorsichtigsten sieht den globalen Umsatz im Jahr 2018 bei 9,3 Milliarden US-Dollar. Das neue Medium wird auch heute schon genutzt: 360°-Filme lassen sich bereits bei Facebook und YouTube verbreiten. Die beliebtesten erreichen Millionen von Klicks und Views.

Das ist möglich, weil man 360°-Filme auch ohne VR-Brille ansehen kann – durch Hin- und Herschwenken des Smartphones oder per Drag&Drop am Desktop kann ich den Film ebenfalls um mich herum erleben. Und wer die Kommentare der Zuschauer liest, stellt fest, dass sie davon nicht weniger begeistert sind.

 


Die Brillen-Invasion

Nur wenige besitzen ein sogenanntes „Cardboard“, die günstige Papp- Variante einer VR-Brille (Preis 4 bis 16 Euro), oder eine Samsung Gear VR (Preis ca. 100 Euro). Bei beiden klemmt man einfach sein eigenes Smartphone vor zwei Linsen und kann direkt in die virtuelle Welt abtauchen. Deshalb sind es die bislang am weitesten verbreiteten VR-Brillen. Das Cardboard lässt sich bedrucken und ist ein gern angenommenes Giveaway.

Die derzeit größte Immersion erzeugen teurere VR-Brillen wie etwa die Oculus Rift, HTC Vive und Playstation VR. Alle drei benötigen allerdings einen weitaus leistungsfähigeren Prozessor als ein Smartphone; zum Beispiel einen Gaming-PC oder wie bei letzterer die Playstation-Konsole.

Die Einstiegspreise sind entsprechend (deutlich) höher: Derzeit fallen etwa 700 Euro für eine Oculus Rift an, für den PC noch einmal etwa 1.000 Euro. Deshalb sind diese Brillen auch noch am wenigsten verbreitet. Das größte Potenzial hat hier wohl die im Oktober 2016 eingeführte Playstation-VR-Brille, da viele Konsumenten bereits die dazu passende Konsole zuhause haben.


 

Die teureren Systeme sind überall dort relevant, wo man möchte, dass die Menschen selbst zu einem kommen: am Messestand, bei Veranstaltungen, im Shop, im Reisebüro oder als Roadshow. Das heißt also: Die virtuelle Welt ist schon jetzt ein relevantes Medium, mit dem sich Kunden bzw. Gäste erreichen lassen. Man sollte sich vorher nur über das eigene Ziel bewusst sein:

Möchte ich möglichst viel Reichweite, bzw. Zweitverwertung nach einem Event, ist ein 360°-Film die richtige Wahl, dessen Produktionskosten sich in etwa mit einem TV-Spot vergleichen lassen (je nach eigenem Anspruch ab 15.000 Euro). Geht es mir um das beste Erlebnis, ist es die interaktive Virtual Reality.

Wie bei jedem Medium kommt es aber in erster Linie auf den Inhalt an. Es bringt wenig, einfach eine 360°-Kamera aufzustellen und zu hoffen, dass die Leute ausflippen. US-amerikanische Medien brachten auf diese Art virtuelle Besucher zu Wahlkampfveranstaltungen von Hillary Clinton und Donald Trump. Das klang spannend – war es aber leider nicht, weil die Zuschauer entweder zu weit entfernt waren oder sich nicht genug involviert fühlten.

Manche Unternehmen beamen Zuschauer voller Stolz in ihre Fabrik um dann festzustellen, dass es den Menschen zu langweilig ist.

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Es reicht nun mal nicht (mehr), ein Medium als Erster zu nutzen, vielmehr muss man die Besonderheiten dieses Mediums ausschöpfen. Und wie bei allem braucht es etwas Herzblut, um es zum Leben zu erwecken.

Einfach gesagt: Ideen. VR und 360°-Film sind die ersten Medien, die ihre Zuschauer komplett in eine andere Welt versetzen. Oder in eine Situation mit anderen Menschen, die mich begrüßen und ansprechen können, mich auf eine Reise mitnehmen oder mit mir in eine Geschichte eintauchen.

Ich schaue also keinen Film, sondern bin plötzlich Teil eines Films, spiele sogar eine Rolle. Der Zuschauer wird zum Zentrum eines Films. Dadurch ergeben sich auch völlig neue Erzählweisen für Filmemacher.

Kein Medium erzeugt so viel Empathie wie VR

Der größte Unterschied zu etablierten Medien ist allerdings das emotionale Erlebnis. Das immersive Erleben führt dazu, dass Nutzer anders wahrnehmen, sich anders verhalten als bei Filmen im 16:9-Format, bei denen es die räumliche Trennung zwischen Zuschauer und Bildschirm gibt.

Der kreative Leiter der Oculus Studios, Saschka Unseld, erklärt die Wirkung von VR auf den Menschen so: In einem normalen Film rutscht jemand auf einer Bananenschale aus und alle lachen. Das ist Slapstick. In der virtuellen Realität würde man aber versuchen, demjenigen aufzuhelfen oder hätte Mitleid. Erst danach würde man vielleicht ein bisschen lachen, weil man merkt, dass es nur ein Film ist. Deshalb ist auch das Wort Realität in „Virtual Reality” so wichtig. Menschen reagieren so als wäre das, was sie erleben, real.

Vor diesem Hintergrund fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, wie wichtig 360°-Filme für den Journalismus werden. Beispielsweise produzieren die New York Times, Bild und auch die Süddeutsche Zeitung für ihre VR-Apps bereits Reportagen in 360°.

Denn während es bei Nachrichten von langjährigen Konfliktregionen einen Abstumpfungseffekt geben kann, versetzt mich VR in die Lage der Menschen. Wenn ich plötzlich in der Straßenschlucht einer zerbombten Stadt stehe oder wie in einem aktuellen Video der SZ in einem Rettungsboot für Flüchtlinge im Mittelmeer sitze. Der Korrespondent berichtet dann nicht einfach darüber, sondern steht direkt neben mir und bringt mich zu den Menschen.

Kein Medium erzeugt so viel Empathie wie VR. Die emotionalen Mechanismen funktionieren wie im wahren Leben. Das gilt natürlich auch für leichtere Kost.

Wenn ich Teil einer liebevollen Geschichte bin, in der ich Zeit mit einem Menschen verbringe, der mit mir spricht, entscheide ich auch hier unterbewusst: Ist mir diese Person sympathisch, bin ich gerne hier? Im 360°-Kurzfilm „Leaving Ammergau Alps” kann man dies einmal selbst ausprobieren:

Sagen Sie die coole Location ab: Bringen Sie Ihre Gäste in neue Welten

Für Events lassen sich verschiedene Anwendungsmöglichkeiten ableiten: Im Zuschauerraum stellt man eine 360°-Live-Cam auf einen Platz, sodass man auch von zuhause dabei sein kann. Bei begehrten Events könnte man dafür sogar Tickets verkaufen. An einzelnen Ständen lassen sich Erlebnisse wie oben beschrieben anbieten.

Eine wahre Revolution im Event-Bereich ist allerdings folgender Gedanke: Warum immer wieder die neueste coole Location suchen, wenn ich doch eine beliebige Location zum Start in ganze Welten nutzen kann: mit dem mobilen VR-Kino.

Dieses gibt es in zwei Varianten: Alle Gäste im Saal bekommen eine VR-Brille ausgehändigt und sehen gleichzeitig einen Film. Der Ton kommt dann nicht über Kopfhörer, sondern über die Lautsprecher. Dadurch wird es zu einem gemeinschaftlichen Erlebnis, da jeder auch die Reaktionen der Menschen neben sich hören kann. (Kosten: je nach Teilnehmerzahl ab 10.000 Euro.)

Beispielsweise verfolgten die rund 300 Gäste des Innovationstags 2016 gleichzeitig mit ihrer VR-Brille die Eröffnungsrede von Serviceplan-Chef Florian Haller. Jeder hatte das Gefühl, er säße nun mit ihm an einem Tisch und würde persönlich begrüßt werden. Als dann alle zusammen mit ihm aus einem Hubschrauber sprangen, startete gleichzeitig vor der Bühne eine Windmaschine und sorgte für echten Wind im Gesicht während des virtuellen freien Falls. Ein tolles gemeinschaftliches Erlebnis und ein innovativer Start für ein Event.

Eine zweite Variante des VR-Kinos ist die Dome-Projektion. „Eine beeindruckende Alternative zur klassischen Event-Location”, sagt Christian Bahr, Chef der 360°-Filmproduktion Helhed, dazu:

Ein 360°-Film ist technisch gesehen kugelförmig. Wenn man sich nun unter eine Kuppel stellt und den Film an die Innenseite projiziert, kann man ihn ebenfalls immersiv erleben. Ein Teil des Films wird dabei zwar abgeschnitten (weil es eine Kuppel und keine vollständige Kugel ist), allerdings hat man auch ein größeres Sichtfeld – und braucht damit auch keine VR-Brillen.

Dadurch ergeben sich noch andere Vorteile: Manche Menschen trauen sich nicht, die Brillen aufzusetzen: aus hygienischen Gründen, aus Angst um die Frisur oder weil ihnen davon übel wird.

Die mobilen Dome-Projektionen gibt es in Deutschland mit bis zu 40 Metern Durchmessern. Das heißt, dass sogar eine mittelgroße Gruppe Menschen unter der Kuppel am Tisch dinieren kann.

Hatte ich Kuppel geschrieben? Ich meinte: Sie essen unter dem Meeresspiegel, hoch in der Luft oder im Weltall. Guten Appetit beziehungsweise gute Reise und: Viel Spaß bei Ihrem nächsten Event!


Über den Gastautor:
Peter-GochPeter Gocht ist Mitglied im Creative Board der Serviceplan-Gruppe, Europas größter inhaber- und partnergeführten Kommunikationsagentur. Neben globaler Markenführung ist er bei Serviceplan für das Thema Virtual Reality verantwortlich.

 

 

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