Tacheles von Hans Jürgen Heinrich

Alter schützt vor Torheit nicht. Jugend erst recht nicht!

Die Älteren haben Vorurteile, sind intolerant und illiberal. Die Jüngeren sind fortschrittlich, aufgeschlossen, tolerant und empathisch. Stimmt das?

Beim Interview mit einem Hotelier fiel mir unlängst folgende Aussage auf:

“Als wir den behinderten Koch eingestellt hatten (er hat eine ausgeprägte Hasenscharte!), gab es bei der hausinternen Akzeptanz zunächst eher Probleme mit den älteren als mit jungen Mitarbeitern. Das hat sich dann langsam gelegt.”

Welche schnellen Schlüsse ziehen wir eigentlich in einer Art Klemmreflex aus einem solchen Satz? Ganz einfach: Die Älteren haben Vorurteile, sind intolerant, illiberal. Die Jüngeren sind fortschrittlich, aufgeschlossen, tolerant, empathisch. Und genau das ist so einfach wie falsch und trotzdem in vielen Lebensbereichen als Vulgär-Conclusio zu finden. Wir denken die Dinge nicht mehr zu Ende in einer Zeit der schnellen Schnitte, wo die Political-Correctness und die digitalen Pfadfinder und Geiselnehmer bestimmen, wie die Dinge scheinbar zu laufen haben. Weil auch die Angst vor Shitstorms, Hashtags und primitiver Stimmungsmache des Mittelmaßes viele mutlos macht. Vielleicht haben die Älteren einen reiferen Blick auf die Dinge, weil sie durch Erfahrung mit den Folgen gewisser Handlungsmuster konfrontiert wurden und nicht vom arglosen Punktblick aus leben und denken?

In alten Kulturen gab es nicht ohne Grund den Ältestenrat. Die Stimme jener war wichtig, die losgelöst von den Korrumpierbarkeiten des Alltags einen kompromisslosen Zugang zur „Wahrheit“ hatten. Alte Denkgewohnheiten sind nicht „pfui“, sondern oft Grundlage und Korrektiv für neues Denken. Heute ist Jugend Trumpf, alles Neue verheißt die vermeintlich beste Zukunft. Wir vergessen dabei leicht:

Die neuen Alten sind andere Alte!

Gerade diese „neuen Alten“ sind in Sachen Vitalität und Neugier wie Anbindung an die Moderne auf dem Weg in eine neue Sinnhaftigkeit der Erfahrungsweitergabe. Trotzdem wäre es wohl dumm, einem 60-jährigen Kleinbauern von der schwäbischen Alb mehr Urteilsfähigkeit über gehobene Gastronomie zuzusprechen als einem 35-jährigen Sternekoch. Trau, schau, wem – ein alter Spruch. Unsere Technikgläubigkeit macht uns vor, dass wir alles messen und beurteilen und daher auf Erfahrung und Weisheit gut verzichten können. Die Ergebnisse dieser Annahme, die wir an der Entwicklung in Wirtschaft und Politik ablesen können, zeichnen aber ein fragwürdiges Bild.

Die Klagenfurter Psychologin Judith Glück:

“Zur Entwicklung von Weisheit gehören schwierige Lebensereignisse, die die Prioritäten und Lebensüberzeugungen, die man hatte, grundlegend über den Haufen werfen.”

Die erfolgreiche Bewältigung schwieriger, realer Ereignisse könne weise machen, glauben die Forscher. Und mit höherem Alter steige die Chance, mehr wertvolle Lehren aus dem wirklichen Leben zu ziehen. Um weise zu werden, müsste man etwa zeitlebens vier nützliche Eigenschaften in sich lebendig halten: Offenheit zum Beispiel. Weise Menschen haben demnach keine Angst vor neuen Ideen und Veränderungen. Sie können sensibel und produktiv mit ihren eigenen Gefühlen und denen anderer umgehen. Sie reflektieren gerne über sich, andere Menschen und das Leben. Und sie sollen über das verfügen, was amerikanische Experten „Sense of Mastery“ (zu deutsch etwa „Sinn für Lebensmeisterschaft“) nennen: Die Erkenntnis, dass man im Leben nicht alles kontrollieren kann, aber ihm auch nicht völlig ausgeliefert ist.

Weise Menschen gesucht

Die Klagenfurter Forscher hatten einen außergewöhnlichen Aufruf gestartet: Bürger sollten „weise“ Mitbürger nominieren. Mit den rund 40 nominierten weisen Kärntnern wollen die Psychologen ausführliche Interviews durchführen. Interessanterweise wurden vor allem ältere Mitbürger für die Studie nominiert. Für Judith Glück kein Zufall:

“Im höheren Alter wird das Leben als endlich wahrgenommen. Man hat nicht mehr so ein Grundgefühl, unendlich viel Zeit zu haben, und das verändert die Perspektive auf vieles, auch die Prioritäten, die man hat, und öffnet vielleicht den Blick für eine Sichtweise, die hilfreich auch für jüngere Menschen sein könnte.”

Kommen wir zurück zum Branchen-Geschehen und den möglichen Ableitungen für eine mehrheitlich junge Industrie:

Nicht die traditionelle Messe ist generell schlecht, sondern manchmal nur die Verbohrtheit und Unprofessionalität von Ausstellern und Messemachern, die sich nicht von tradierten Denk- und Erlösmodellen trennen wollen. Nicht Interaktion um jeden Preis ist gut und der Frontalvortrag an sich altmodisch, sondern schlechte Redner und Präsentatoren haben ausgedient. Die „gute alte Anzeige“ ist nicht tot, sondern einfallslos und vor allem „feige“ gemachte Werbung ist ineffizient. Auf allen Kanälen. Und sogar ein in die Jahre gekommenes Kongresshaus hat durchaus seinen besonderen Charme im Vergleich zu manchem Architekturdenkmal, das vollgestopft ist mit Technik, aber keine Seele mehr hat. Auch die bereits genutzte Location oder Destination ist nicht plötzlich öde, sondern oft nur die mangelnde Phantasie derer, die sie bespielen. Ökologisch vernünftiges Handeln machte schon immer Sinn, moderne Formen der Fetischisierung nicht. Die traditionellen Gastgeber- und Umgangskulturen waren und sind wunderbar, eindeutige Korruption gehört an den Pranger. Dafür brauchen wir keinen pseudomodernen Compliance-Wahn, bei dem die Wurzeln häufig in der so ganz und gar nicht tugendhaften Feigheit liegen. Führung ohne Überlegenheit wird zu Recht hinterfragt, Partizipation um jeden Preis zu Unrecht praktiziert. Schlussendlich: Niemand braucht, wie unlängst geschehen, handgestrickte Umfragen über den Nutzwert angeblich altmodischer gedruckter Directories – die Macher bekommen die betriebswirtschaftlich relevanten Antworten vom Markt. Wie früher, so heute.

Es gab und gibt dämliche Alte und pfiffige Junge. Müde Junge und vitale Alte. Und umgekehrt. Die gehören in dieser Paarung nicht unbedingt als Zugpferde vor eine Kutsche. Aber wenn man sie beim Kutschenbau und der Pferde-Selektion zusammenarbeiten lässt, entsteht wenigstens einigermaßen Vernünftiges. Geradezu nicht auszudenken aber, wenn kluge, vitale Alte und pfiffige, leistungsbereite Junge einander zuhören und miteinander statt gegeneinander arbeiteten. Sie würden die Welt verändern. Aber in die richtige Richtung! Mancher zum Himmel schreiende Blödsinn in der digitalen Welt und im richtigen Leben bliebe uns erspart.

Hans Jürgen Heinrich

Chefredakteur und Herausgeber des Fachmagazin events

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