Interview mit Andreas Simon, Graner + Partner

Leuchtturmfunktion: Die Akustik im neuen Ingelheimer kING

kING_Innenansicht_Großer Saal
Großer Saal für Kongresse und Konzerte in der kING – Kultur- & Veranstaltungshalle

Bald ist es soweit und das „kleine Ingelheim“ zelebriert im August die offizielle Einweihung einer 100-Millionen-Euro-Investition – die kING – Kultur- & Veranstaltungshalle. Die Summe geht in viele Kanäle und nicht unerheblich in den Kanal Technik. Wir haben Andreas Simon vom Medientechnik-Ausrüster Graner + Partner gefragt, was die Akustik im neuen kING so besonders macht.

events: Was ist das besondere an einer elektroakustischen Nachhallzeitverlängerungsanlage wie dem Meyer-Sound-Constellation- System?

Andreas Simon: Mit einer derartigen Anlage kann die empfundene Raumakustik per Knopfdruck auf die jeweilige Nutzungssituation eingestellt werden. Die sich dahinter verbergende hochkomplexe Technologie ermöglicht es nicht nur, das gesamte Veranstaltungsspektrum der multifunktional genutzten kING – Kultur- & Veranstaltungshalle Ingelheim abzudecken, sondern ist überdies dazu geeignet, die akustisch empfundene Größe des Saals zu variieren oder als Effekt eingesetzt zu werden.

Auch der szenische Einsatz der Anlage gibt dem Zuschauer in einer Vorführung das Gefühl, sich mitten in der Aufführung zu befinden, indem zum Beispiel die empfundene Akustik des Saals einem wechselnden Bühnenbild angepasst wird. So kann zum Beispiel bei einem Bühnenbild, welches eine Szenerie in einem relativ kleinen Raum zeigt, akustisch so unterstützt werden, dass der gesamte Saal klingt, als wäre er ein kleiner Raum und bei Veränderung des Bühnenbildes zum Beispiel in Form einer Werkhalle kann im gleichen Moment auch die Akustik des Saals zur Akustik einer Werkhalle gewandelt werden. Weiterhin beschränkt sich das System nicht lediglich auf den Zuschauerbereich, sondern wird als zusätzliches System auch im Bereich der Bühne / des Orchesters eingesetzt und als sogenannte Orchestermuschel ausgebildet. Dies ist von besonderer Wichtigkeit, da auch die Künstler und Musiker in der für sie passenden akustischen Umgebung ein ideales Arbeitsumfeld finden.

events: Warum ist die Akustik nicht nur für Konzerte ein Erfolgsfaktor, sondern auch für Kongresse und Tagungen? Welchen Mehrwert bietet das System hierbei gegenüber anderen Akustiksystemen?

Andreas Simon: Bei den meisten anderen Systemen stellen diese lediglich eine Zusatzfunktion für den Raum bereit, sodass vorwiegend sprachliche Veranstaltungen oftmals komplett ohne ein derartiges System durchgeführt werden und die dann noch übrig bleibende natürliche Raumakustik für derartige Veranstaltungen ausreichen muss. Durch diese Zusatzfunktion auf Grundlage bereits gewichtiger akustischer Verhältnisse im Raum ist nicht mehr die volle Eingriffstiefe eines elektronischen Systems möglich. Beim Constellation in Ingelheim wird jedoch eine natürliche Raumakustik geschaffen, die derart neutral ist, dass mit dem elektroakustischen System der volle Funktionsumfang zur Verfügung steht. Somit werden auch für sprachliche Veranstaltungen ideale akustische Verhältnisse geschaffen, die ein Maximum an Sprachverständlichkeit erzielen, wobei der Zuhörer dennoch ein Hörempfinden erfährt, welches zur Größe und Dimension des Raumes passt.

events: Welche neuen Möglichkeiten bietet der 3D- Sound, den das Meyer-Sound-System wiedergeben kann?

Andreas Simon: Neben der eigentlichen Funktion, raumakustische Verhältnisse für die unterschiedlichen Veranstaltungsformen frei wählen zu können, ermöglicht das System durch die Vielzahl von im Saal positionierten Lautsprechern einerseits akustische Ereignisse als Effekt im Raum zu positionieren und andererseits dreidimensionale Klangereignisse dynamisch durch den Raum zu bewegen. Im Besonderen durch das Zusammenspiel derartiger Effekte mit dem Bühnengeschehen oder einer Filmeinspielung kann ein ganzheitliches dreidimensionales Erlebnis vermittelt werden. Im Gegensatz zu den meisten anderen Systemen wird das System in Ingelheim zusätzlich mit einer Tieftonerweiterung ausgestattet, um nicht nur das akustische Empfinden in einem großen Saal realistisch werden zu lassen, sondern auch um akustische Effekte in der vollen Bandbreite wiedergeben zu können.

events: Wie einzigartig ist diese Technik, europa- oder sogar weltweit?

Andreas Simon: International betrachtet sind derartige Systeme durchaus in herausragenden Objekten im Einsatz. In Deutschland verfügt das Operettenhaus in Hamburg über ein Constellation-System, in Europa sind das Teatro de la Laboral in Gijón, Spanien, oder die Nokia Conzert Hall in Tallinn, Estland mit einem derartigen System ausgestattet. Die kING – Kultur- & Veranstaltungshalle Ingelheim stellt für Deutschland ein Leuchtturmprojekt dar, da das System einerseits über den aktuellsten technischen Stand verfügt und andererseits von Anbeginn für die gesamte Bandbreite der akustischen Funktionalität ausgelegt ist.

events: Hat das Ingelheimer Projekt auch für Sie einen besonderen Stellenwert?

Andreas Simon: Jede Veranstaltungsstätte hat ihre individuellen Merkmale und Herausforderungen, wobei die kING – Kultur- & Veranstaltungshalle Ingelheim auch hier eine besondere Rolle einnimmt. Nur selten haben wir Auftraggeber, die dieser Technologie gegenüber aufgeschlossen sind und uns als Fachplaner die Möglichkeit geben, die Raumakustik eines Veranstaltungssaals mit elektroakustischen Mitteln höchst variabel zu gestalten und eine Technologie anzuwenden, die einen weltweiten Vergleich zulässt. Daher freuen wir uns, eine herausragende Referenz dazugewonnen zu haben und sind sehr gespannt, wie das System im Veranstaltungsalltag eingesetzt wird.


Portrait Andreas SimonAndreas Simon ist Dipl.-Ing. für physikalische Technik und als Prokurist bei Graner + Partner Ingenieure Leiter der Medientechnik, IT- und QM-Beauftragter. Er ist weiterhin tätig als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Beschallungsanlagen bei der IHK Köln.

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