Mehr als ein Modewort

Tipps und Tricks fürs Crowd-Management

crowd gruppe event festival veranstaltung konzert
Pexels

Crowd-Management, die in England schon seit vielen Jahren etablierte Disziplin von der sorgfältigen und systematischen Planung für Menschen in Menschenansammlungen, ist in Deutschland vor allem nach den Ereignissen der Love-Parade in 2010 zu einem reinen Modebegriff geworden. Da rechtlich nicht geschützt, schmücken sich viele Anbieter mit dem Buzz-Wort, ohne zu wissen, was wirklich hinter dem Management von Gruppen steckt. So wird der Begriff häufig falsch verwendet bzw. inhaltlich nicht korrekt ausgelegt.

Ziel des Crowd-Managements ist es, den Mensch in den Mittelpunkt der präventiven Planung zu rücken. Dabei kann Crowd- Management als eine systematische Planung für bzw. Überwachung von geordneter Bewegung bzw. von Menschenansammlungen verstanden werden (vgl. Fruin, 2002). Bei diesem Planungsansatz steht der Besucher und sein Sicherheits- und Wohlbefinden im Zentrum.

Das ist besonders in Deutschland ein innovativer Ansatz, wo der Mensch eher als durchschnittliche Variable innerhalb der baurechtlichen Vorgaben und Brandschutzbestimmungen betrachtet wird. Die Sicht des Crowd-Management Ansatzes erkennt hingegen, dass Besucher bestimmte Bedürfnisse in Bezug auf die Veranstaltung haben. Das kann von einer kurzen Einlasszeit, über den Blick auf die Bühne bis zu Informationen über die öffentlichen Verkehrsmittel reichen. Dazu zählt ebenfalls das Bedürfnis, sich in Gefahrensituationen in Sicherheit zu bringen.

Dicht an dicht gedrängt. Bricht während eines stark besuchten Konzertes z. B. eine Panik durch einen Brand aus, muss das Sicherheitskonzept greifen und alle Beteiligten Hand in Hand arbeiten.
Dicht an dicht gedrängt. Bricht während eines stark besuchten Konzertes z. B. eine Panik durch einen Brand aus, muss das Sicherheitskonzept greifen und alle Beteiligten Hand in Hand arbeiten.

Mehr Sicherheit mit dem FIST-Modell

Der amerikanische Planer John Fruin stellte schon 1993 fest:

“most major crowd disasters can be prevented by simple crowd management strategies. ” (Fruin, 2002)

Für Fruin ist das primäre Ziel des Crowd-Managements das Verhindern des Aufbaus von großem Druck und unkontrollierter Bewegungen von bzw. in Menschenmengen. Dabei haben laut Fruin verschiedene Faktoren einen Einfluss auf die Besuchersicherheit bei Veranstaltungen, die er im sogenannten FIST-Modell zusammengefasst hat:

  • Force – Druck / Gedränge
  • Information – Information und Kommunikation
  • Space – der Bewegungsraum des Besuchers inkl. Infrastruktur
  • Time – die zeitlichen Dimensionen der Raumnutzung.

Auf dem FIST-Modell basierend lassen sich Anforderungen für die Planung ableiten. Im Rahmen einer präventiven Sicherheitsplanung sollten also mindestens die Auslastung, die zur Verfügung gestellte Infrastruktur, die Organisationsstruktur sowie Information und Kommunikation vor und während der Veranstaltung geklärt werden. Zusätzlich muss festgestellt werden, um welche Veranstaltungsart es sich handelt und welche Besonderheiten daraus resultieren, wie das Besucherprofil aussieht und welche An- und Abreisemodalitäten vorliegen. Alle diese Faktoren werden in der Regel im Rahmen eines Sicherheitskonzepts betrachtet.

Professor Keith Still hat im Jahr 2000 hierzu die DIM-ICE Meta Matrix entwickelt – ein Drei Phasen-Modell, mit dem sich anhand verschiedener Faktoren der Normal- und der Gefahrenzustand bei der Veranstaltung analysieren lässt. Insgesamt definiert Still drei zentrale Einflussfaktoren, die als Grundlage für die Planung dienen:

  • D – Design (Flächenplanung, Sichtlinien, Infrastrukturen, etc.)
  • I – Information & Kommunikation (akustisch und visuell)
  • M – Management (Personaleinsatz, Organisationskonzepte, Ressourcen, etc.)

Für die unterschiedlichen Phasen der Veranstaltung, also der Anreise- bzw. Einlassphase (ingress), der Anwesenheitsphase (circulation) und der Auslass- bzw. Abreisephase (egress), als auch für die Normal- und Gefahrenlage müssen diese Einflussfaktoren individuell geplant werden.

gruppe event veranstaltung alkohol
Übermüdung, viele Menschen und zu hoher Alkoholkonsum können leicht zu Orientierungslosigkeit führen.

Für die Anreise- und Einlassphase sollten u. a. alle Fragen bezüglich der Zugangswege zum Veranstaltungsgelände, der Parkbereiche oder der ÖPNV Verkehrsknotenpunkte, des Platzbedarfs und der Organisation der wartenden Menge und der Kapazitäten der Eingangsbereiche geklärt werden. In der Anwesenheitsphase spielen die Bewegungen der Besucher auf der Event-Fläche eine entscheidende Rolle. Dabei können unterschiedliche Situationen die Bewegungen beeinflussen. Ein Gast kann nach seiner Begleitung suchen, eine bessere Position zur Bühne einnehmen oder sich erfrischen wollen. Für diese Handlungen benötigen die Veranstaltungsbesucher Informationen, z. B. zu Standorten, Abläufen oder Programmen. Zusätzlich müssen die Besucherbewegungen durch das Gelände-Design (also z. B. die Wegführung, aktive Lenkungsmaßnahmen oder durch Hinweisschilder) gelenkt werden. Die Auslassphase ist meistens davon gekennzeichnet, dass eine größere Besuchermenge das Gelände zu einem bestimmten Zeitpunkt gleichzeitig verlassen will. Die Auslässe müssen also in einem kurzen Zeitraum eine hohe Personenkapazität bewältigen können. Zusätzlich sind viele Besucher oft am Ende des Events erschöpft, müde oder auch betrunken. Dadurch ergibt sich in der Auslassphase in der Regel ein höherer Lenkungsbedarf als in der Einlassphase.

Hieraus ergibt sich folgende Matrix (K. Still, 2014)

DIM-ICE Meta Matrix

Die DIM-ICE Meta Matrix kann allerdings nicht nur für die Sicherheitsplanung, sondern auch für die Prüfung vorhandener Maßnahmen eingesetzt werden. Durch ihre klare Gliederung kann sie komplexe Sachverhalte, wie z. B. in einem Sicherheitskonzept, strukturiert darstellen und so dazu beitragen, Schwachstellen in der Planung oder das Fehlen notwendiger Maßnahmen aufzuzeigen.


Quellenangabe

Fruin, John J (2002): The causes and prevention of crowd disasters. Originally presented at the First International Conference on Engineering for Crowd Safety, London.

Still, K (2014): Introduction to Crowd Science. London. Tylor & Francis Group. S. 118ff.

basigo.de / Handbuch: Crowd Management (Link)

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Das könnte Sie auch interessieren: