Nachhaltigkeit in der Live-Kommunikation

FAMAB-Sustainability Summit: Weg von der grünen Oberlehrer-Attitude

FAMAB-Sustainability-Summit-2017
FAMAB

Das war gelungen! Einen spannenden Ritt über den Horizont der Nachhaltigkeit gab es am 2. Februar 2017 beim ersten FAMAB-Sustainability Summit in den Dortmunder Westfalenhallen. Von den Veranstaltern FAMAB und 2bdifferent wurde in 25 knackig-kurzen Vorträgen und Diskussionsrunden der Themenkomplex „Nachhaltigkeit in der Live-Kommunikation“ bespielt und hinterher war den etwa 170 Teilnehmern überwiegend klar: Nachhaltigkeit ist längst kein Hype mehr und vor allem: mehr als eine sektiererische Umwelthysterie. Sie ist eine immer wichtiger werdende Währung, auf die Auftraggeber pochen und die sie künftig stärker einfordern werden.

Das Thema Nachhaltigkeit, und das ist eigentlich längst klar, reicht weit über reine Green-Events oder die Einführung der CSR-Berichtspflicht hinaus. Nachhaltiges und faires Handeln hat neben dem wirtschaftlichen eben auch ein großes gesellschaftspolitisches Potenzial. Der Wunsch und die Bereitschaft der Teilnehmer, nachhaltiges Handeln gemeinsam als Branche weiterzudenken, war spürbar. So wie so mancher leise innere Wandel vom Saulus zum Paulus.

Viele Best-Cases gaben Einblicke in Konzepte, die bereits von kreativen Vordenkern umgesetzt werden – eine Bestandsaufnahme und eine wunderbare Absprungfläche für die Branche, um den nächsten Schritt zu gehen. Das treffendste Fazit am Ende eines inspirationsreichen, wenngleich vollgepackten Tages, zog Jürgen May, Geschäftsführer von 2bdifferent:

Mit der Umsetzung des Summit-Konzepts ist für mich eine Vision zur Realität geworden. Weg vom staubigen Image der Nachhaltigkeit.

Dazu die unüberhörbare Ansage der Auftraggeber, das Thema bei der künftigen Auswahl ihrer Dienstleister immer stärker zu gewichten. Der Summit kam keine Minute zu spät!“ In der Tat. Und er wird zur Dauereinrichtung werden, wie FAMABGeschäftsführer Jan Kalbfleisch bestätigt. Impressionen der Veranstaltung und ein Webcast der Vorträge gibt es auf www. famab.de. Unsere eigenen Eindrücke im Folgenden – sie müssen bruchstückhaft bleiben, weil am Nachmittag mit drei parallelen Foren gearbeitet wurde.

Jeder muss sich überlegen: Will er ein Fossil sein oder doch lieber postfossil!

Die entscheidende Botschaft für die Generation Verbrennungsmotor hatte der Osnabrücker Professor Große-Ophoff parat mit der planetaren Leitplanken-Grafik und dem Beleg, dass wir in zwei bis drei Bereichen das planetare Gleichgewicht massiv gefährden, darunter die Intaktheit der Biosphäre und die genetische Vielfalt. Er erklärt, warum das, was wir jetzt machen, erst in 50 Jahren im Grundwasser ankommt, dass die Temperatur seit 1880 um 1° angestiegen ist, aber bereits beim fast blauäugig definierten Klimaziel eines Anstieges bis maximal 1,5° Celsius schon 90 Prozent aller Riffe tot sein werden – vom Meereis ganz zu schweigen.

Die Tatsache, dass in 800.000 Jahren der CO2-Ausstoß in die Atmosphäre nie so hoch war wie in den letzten 50 Jahren, ist ein Beleg, dass der “moderne Mensch“ der Hauptverursacher ist. Das Wunsch-Szenario der Pariser Klimakonferenz in 2015, dass bis 2050 kein CO2-Eintrag mehr in die Atmosphäre erfolgt, der Strom nur aus regenerativen Quellen kommt, die Energie-Effizienz dramatisch gesteigert wird usw., sei mehr als optimistisch, denn selbst Kyoto ist längst gescheitert – seit dem dortigen Weltklimagipfel 1997, der immerhin als Meilenstein bezeichnet wurde, stiegen die Emissionen weltweit nochmals um 40 Prozent an!

Wir müssen also alle etwas tun, sozusagen von unten und uns nicht auf den politischen Deus ex Machina verlassen, so das Fazit. Und: „Jeder muss sich überlegen: Will er ein Fossil sein oder doch lieber postfossil!“ Na?

Immer mehr Großunternehmen fordern klare Commitments

SCHÜCO beispielsweise tut was. Diplom-Ingenieur André Flinterhoff und Benjamin Gabel als Leiter Integriertes Management-System demonstrierten am Beispiel der Aluminium-Branche, wie sie konsequent mehr Nachhaltigkeit bei Lieferanten durchsetzen durch eine Basis-Lieferketten-Strategie über alle Commodities und Dienstleister hinweg. Prozess, Architektur und Betrieb sind auch in der Live Com die drei Säulen, über die nachhaltiges Handeln implementiert wird.

So werden beispielsweise als einzelfokussierter Ansatz beim Messebau nachhaltige Materialen eingesetzt, wird der Nachhaltigkeitsbericht nach dem GRI-System* erstellt und insgesamt das Cradle-to-Cradle*-Prinzip verfolgt. Ein Praxis-Vortrag aus der Industrieszene, der aufhorchen ließ und zeigte, was alles geht ohne ökonomische Reibungsverluste und vor allem: Worauf man sich als Lieferant einstellen muss, wenn man mit modern denkenden Unternehmen zusammenarbeiten will. Das ist dann keine Glaubensfrage mehr, sondern ein Überlebensfaktor!

* Internationale Nachhaltigkeitsberichtsstandards der Global Reporting Initiative
* Cradle to Cradle beschreibt kreislauffähige Produkte und Prozesse

FAMAB-Sustainability Summit
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Die wichtigste Nebensache auf einem Kongress sind die Pausen: events Herausgeber Hans Jürgen Heinrich im engagierten Austausch mit Peter Blach

„Nachhaltigkeit ist kein Verzicht, sondern ein Genuss!“

Als Genusserlebnis darf man auch den Vortrag des Hoteliers Michael Stober bezeichnen, der aus einem großen, ehemals heruntergekommenen LPG-Anwesen ein Vorzeigehotel mit zahlreichen Öko-Prämierungen gemacht hat: das Landgut Stober. Moderator Helge Thomas hatte ihn angekündigt als einen Mann, der einen erfolgreich zerklüfteten Lebenslauf „vom Tellerwäscher zum Landgutbesitzer“ vorweisen kann. Entsprechend humorvoll und gleichermaßen praxisnah substantiiert war sein Vortrag. Er versteht es blendend, Nachhaltigkeit so zu vermitteln, dass das Thema sexy und entspannt ankommt.

Was können Hotels tun? Dazu schickt er als beruhigendes Statement vorweg: Er müsste knapp fünf Prozent teurer sein, wenn er nicht nachhaltig wäre! Denn alle Investitionen gingen von der Grundüberlegung aus: Was kann ich vorne einbauen, damit ich nach hinten heraus möglichst wenig Betriebskosten habe? Und er macht klar: Ökonomie ist sein Basisziel.

So laufen alle 200 Toilettenanlagen über Regenwasser, bringt eine Hackschnitzel-Heizanlage, für die er sogar einen Wald angeschafft hat, 60.000 Euro Ersparnis pro Jahr, sodass er bereits nach zwei Jahren mit der Investition im Break Even ist. Für ihn ist der Bewusstseinswandel entscheidend, dass man mit nachhaltigem Handeln durchaus Geld sparen kann; man muss sich lediglich im Planungsprozess etwas mehr Mühe geben.

Auf der sozialen Schiene kann er gleichermaßen beeindrucken: Für alle Mitarbeiter hat er ein Weiterbildungskonto eingerichtet, das sie für eine Woche im Jahr individuell nutzen können und er war auch der erste, der in Brandenburg Flüchtlinge eingestellt hat.

Stober ist kein Sektierer, kein Nischenphilosoph, sondern ein visionärer Praktiker, der, wie er sagt, mittlerweile zufrieden „grinsend über sein Anwesen läuft!“ Stramme 75 Prozent seines Geschäftsvolumens bestehen aus Tagungen. Untersuchungen zufolge buchen 25 Prozent seiner Kunden gezielt aufgrund seiner Nachhaltigkeitsstrategie. Immerhin: Er hat ein Vier-Sterne-Anwesen auf dem Abakus und verbreitet abschließend als tröstliche Botschaft für die letzten Skeptiker nur diesen einen, vielsagenden Satz:

Niemand muss sich bei uns morgens selbstgestrickte Socken anziehen und zum Seeufer gehen, um sich Brennnesseln für den Tee zu suchen!

Anschließend die scheinbar unvermeidliche Podiumsdiskussion. Entbehrlich. Ein hölzernes Frage-und-Antwortspiel, wie es bei diesem Auslauf-Format in der Art wie es gelebt wird, mittlerweile lähmende Routine ist.

Zitat-Nachhaltigkeit in der Live-Kommunikation-FAMAB

Guck mal, ein Baby-Mann!

Das rufen, wie Raul Krauthausen sagt, die Kinder manchmal, wenn sie ihn sehen. Der kleinwüchsige Superstar der Inklusions- Szene kommt im Rollstuhl auf die Bühne und sogleich schwebt ein Hauch von Stephen-Hawkins-Faszination über der Szene. Der Träger des Bundesverdienstkreuzes spricht über Barrierefreiheit, sein von Microsoft gesponsertes „Ramp up me“-Konzept, das von ihm ins Leben gerufene Sozialhelden-Projekt und über das, was Veranstaltungsplaner tun können, um den 10 Prozent Behinderten im Bevölkerungsanteil das Leben leichter zu machen – auf der Bühne und den Rängen.

Krauthausen beschließt seinen von Helge Thomas sensibel moderierten Vortrag mit der vielsagenden Schlussbemerkung.

Ich wäre gerne länger geblieben, aber die Deutsche Bahn hat nur zwei Rollstuhlplätze pro Zug …

Auf dem Weg zur nachhaltigen Destination: Marburg

„Weder eine Abwehrhaltung noch blinder Aktionismus helfen weiter“, meint Julian Ekelhof, Direktor CO2OL Climate Solutions beim Einstieg zur Vorstellung seines Beratungsprojektes Marburg Tourismus GmbH. Auf den richtigen Hebel komme es an, und der muss individuell ermittelt werden:

  • Was ist mir selbst wichtig?
  • Was meinen Stakeholder?
  • Wo kann ich am meisten bewegen?
  • Was kann ich realistisch schaffen?

Erst denken, dann handeln – das ist auch seine Devise, echte Wertschöpfung statt plakativer Inhalte die Grundforderung. Dabei beschreibt er die Spannungsfelder, zwischen denen man sich bewegt:

  • Regional versus Bio versus Fair Trade
  • Wiederverwertbarkeit versus Gewicht versus grüne Materialien
  • Verlässlichkeit versus Zertifizierung versus Mitarbeiterpolitik

Bereits eine Wesentlichkeitsanalyse kann im Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht werden, so wie das der Energieversorger RWE mit der Priorisierung von Klimaschutz oder der VFL Wolfsburg mit der Fokussierung auf Antidiskriminierung tun.

Klaus Hövel von der Marburg Stadt und Land Tourismus GmbH beschreibt anschließend, wie sich die Destination seit 2012 in einem partizipativen Prozess auf den Weg gemacht hat, mit 17 Handlungsfeldern und 86 Maßnahmen eine nachhaltige Tagungs-Destination zu werden. Weil es Kunden offenbar immer stärker einfordern.

Greening a Monster

Oliver Lingens vom ORF gab einen interessanten Einblick in die Vorgehensweise beim Greening einer Großveranstaltung, dem ESC 2014 in Wien. Das zweiwöchige Kern-Event brauchte drei Monate Vorbereitungszeit, war mit 3.500 Tonnen Materialeinsatz die größte Unterhaltungs-Show der Welt und: ein Green-Event!

„Kommunikation“, sagt Lingens, „war das Wichtigste. Man muss von vorneherein alle mitnehmen, ein Mission-Statement erarbeiten.“

Oliver Lingens bezeichnet die Entscheidung, den ESC in Wien nach anfänglicher Skepsis nachhaltig auszulegen, als „eine der besten Entscheidungen meines Lebens“. 97 Prozent der befragten Besucher meinten ebenfalls, das sei eine tolle Idee gewesen.

FAMAB-Sustainability Summit
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Ein zufriedener FAMAB Vorstandsvorsitzender Jörn Huber im Pausengespräch

Messestände nachhaltig machen – und häufiger verwenden!

Julia Heidemann von der Veolia Deutschland GmbH, einem Umweltdienstleister für Wasserkreislauf-Management und Entsorgungskonzepte, beschrieb, was Unternehmen bereits im Vorfeld von Veranstaltungen tun können, um Ressourcen zu schützen und zu erneuern.

Ihr Messekonzept wurde beispielsweise ausgezeichnet mit dem FAMAB-Award „Best Green Idea & Sustainable Project“: 100 Prozent Individualität bei 90 Prozent Bestandsmobiliar. Dieser Messestand hat Materialgeschichten erzählt, war inhaltlich „grün“, ohne jedoch so zu wirken.

Im Anschluss porträtierte Michael Cordt, Marketing-Leiter des darmstadtiums, die baulichen Voraussetzungen für optimal nachhaltiges Wirtschaften, wie sie im darmstadtium vorbildlich vom ersten Planungsschritt an umgesetzt wurden. Tagtäglich gelebt wird Nachhaltigkeit in enger fachlicher Begleitung mit dem Dienstleister Entega. So konnte unter anderem der Anteil der Energiekosten pro 1.000,- Euro Umsatz um 62 Prozent reduziert werden.

Dennoch: Realismus ist Trumpf. „Zertifizierungen sind einem Drittel der Planer wichtig. Ganz vorne aber stehen Lage und Räume, dann kommt die Service-Qualität und erst dann Nachhaltigkeit“, beschreibt er die Lage an der Nachfragefront. Allerdings setzten nachhaltig aufgestellte Konzerne das bei einem Haus wie dem darmstadtium auch als einfach gegeben voraus.

Wollen wir unseren Gästen wirklich noch Eier aus Massentierhaltung anbieten?

Florian Zibert aus München will mit seiner Agentur Zibert & Friends bis 2018 die nachhaltigste Agentur für Live-Kommunikation werden. Der Überzeugungstäter fragt zum Einstieg:

Wie schaffen es Marken durch bidirektionale Kommunikation die Beziehungen zu allen Stakeholdern zu verbessern?

In einer Zeit, wo immer weniger Value für Money und immer mehr „mickrige Preise“ nachgefragt werden, hat er einen anderen Ansatz, stellt vor allem die Frage nach der Sinnhaftigkeit und nicht nur nach dem ROI. Und wo unser Beitrag für Nachhaltigkeit sei in einer Branche, die so viele Ressourcen verbraucht.

Ist weniger CO2 nicht immer noch zu viel CO2, wenn die Sache an sich keinen Sinn macht? Ist nicht auch der 15. Jutebeutel irgendwann einfach nur einer zu viel? Sind immer alle Roomnights und Flugkilometer wirklich sinnvoll – egal wie ökologisch dabei gedacht wird?

Ökologie sei längst Standard und die Frage, ob wir unseren Gästen wirklich noch Eier aus Massentierhaltung anbieten wollen, von gestern.

Alles, alles muss mit KPI versehen werden, damit die Relevanz bleibt und vor allem: die Budgethöhe!

Ein bemerkenswerter Schlusssatz eines bemerkenswerten Agenturgeschäftsführers, mit dem wir uns vom 1. FAMAB-Sustainability Summit verabschieden. Der noch weitergeht. Leider auch mit langweiligen Podiumsdiskussionen.

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